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"Der Hype um mich war nicht richtig": Robin Gosens im Exklusiv-Interview

Gosens: „Hype um mich nicht richtig“

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Robin Gosens steht nach einem Jahr wieder im Kader der Nationalelf. Im exklusiven SPORT1-Interview spricht der Inter-Star über die Leidenszeit während der Verletzung, eine mögliche Zukunft in der Bundesliga und seinen Traum von der WM.

Robin Gosens ist lieber in Bergamo geblieben. Der linke Flügelspieler, der mittlerweile fest von Atalanta Bergamo zu Inter Mailand gewechselt ist, nimmt die tägliche Autofahrt von rund 45 Minuten gerne in Kauf.

„Ich bin ein Junge vom Dorf und brauche meine Ruhe“, sagt er, der in Emmerich an der Grenze zu den Niederlanden aufgewachsen ist. In Bergamo, wo das Leben ruhiger und entschleunigender als in der hektischen Modemetropole ist, kommt der Familienvater zur Ruhe.

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Nach einjähriger Abstinenz ist Gosens wieder bei der Nationalmannschaft dabei und kämpft in den beiden Nations-League-Spielen gegen Ungarn am Freitag (Nations League: Deutschland - Ungarn ab 20.45 Uhr im LIVETICKER) und drei Tage später in England um das WM-Ticket.

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Im Teamquartier in Frankfurt hat sich der Inter-Star Zeit für ein ausführliches Interview mit SPORT1 genommen. Gosens spricht über seine Leidenszeit, den zwischenzeitlichen Hype um seine Person, das Interesse von Bayer Leverkusen und seinen WM-Traum.

SPORT1: Robin, Sie stehen erstmals seit einem Jahr wieder im Kader der Nationalmannschaft. Bedeutet Ihre Nominierung automatisch auch das WM-Ticket?

Robin Gosens: Ich habe ein Jahr Leidenszeit hinter mir und freue mich natürlich total, wieder dabei zu sein. Diese Nominierung sehe ich als Belohnung für harte Arbeit. Das WM-Ticket sicher habe ich aber ganz bestimmt noch nicht. Ich bin noch dabei, mich zurückzukämpfen. Ich bin noch nicht in der Form, in der ich war, als ich in Bergamo so gut performt habe. Ich bin nah dran, aber ich weiß gleichzeitig auch, dass es noch viel zu arbeiten gibt.

Robin Gosens: Das sagte mir Hansi Flick

SPORT1: Hansi Flick hat mit Ihnen vor dem Lehrgang telefoniert. Wie hat der Bundestrainer Ihre Nominierung begründet?

Gosens: Er hat angerufen und gesagt: „Robin, ich will mir vor Ort ein Bild machen von dir und deiner Form.“ Wir hatten ja immer Kontakt, auch während meiner Verletzung. Hansi hat es gefallen, dass ich jetzt zweimal 90 Minuten lang in der Champions League gespielt habe. Ich bin dankbar, dass ich mich so kurz vor dem Turnier nochmal zeigen kann.

SPORT1: Wie schwer war die Zeit während der Verletzung mental für Sie?

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Gosens: Es war mental schon hart. Bei der EM war ich noch der „Rising Star“ und die Zukunft auf meiner Position, dann kam die Verletzung und plötzlich musst du wieder bei Null anfangen. David Raum hat es in der Zeit super gemacht, auch Christian Günter. Rückblickend würde ich aber sagen, dass ich an dem Rückschlag gewachsen bin.

SPORT1: Wie wichtig war Ihr persönliches Umfeld in dieser Phase für Sie?

Gosens: Meine Familie war schon immer mein Erfolgsgarant. Ich kann mich immer auf sie verlassen. Als ich verletzt war, wurde mein Sohn geboren. Das hat alles positiv überstrahlt. Wir Fußballer leben ja schon in einer Art Parallelwelt und brauchen diese familiäre Erdung.

SPORT1: Bei der EM im vergangenen Jahr waren Sie der Held, ein paar Monate später wurde es ruhig um Sie. Wie haben Sie diese Aufs und Abs verarbeitet?

Gosens: Das war sehr schwer zu verarbeiten. Nach dem Portugal-Spiel war ich in aller Munde, das war wie eine mediale Explosion. Es standen plötzlich Kameraleute in meinem Heimatort vor dem Haus meiner Eltern. Mama und Papa haben mich angerufen und gefragt: „Was sollen wir machen, sollen wir die wegschicken?“ Natürlich ist mir der Hype lieber, als gar nicht beachtet zu werden. Aber man muss schon erstmal seinen eigenen Weg finden. Rückblickend war es sicher nicht richtig, dass ich bei der EM so krass in den Himmel gelobt wurde - aber mich ein paar Monate später wieder abzuschreiben, war ebenso wenig richtig. Die Ausschläge nach oben und nach unten sind zu extrem.

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SPORT1: Trotzdem sind Sie im Winter als Stammspieler und Leistungsträger von Bergamo zu Inter Mailand gewechselt. Aktuell kommen Sie aber nur von der Bank. War es rückblickend die richtige Entscheidung?

Gosens: Ich spiele bei einem Weltverein und bin glücklich bei Inter. Mein Anspruch ist es, dass ich mich bei diesem großen Verein durchsetze. Ich muss jetzt mal drei, vier, fünf Spiele am Stück machen, darauf arbeite ich hin. Auch mit Blick auf die WM muss ich in einen Rhythmus kommen.

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SPORT1: Bayer Leverkusen wollte Sie nach unseren Informationen im Sommer unbedingt verpflichten. Am Ende soll der Wechsel aber gescheitert sein, weil die Rheinländer Sie nur ohne Kaufpflicht leihen wollten. Wie konkret war es wirklich?

Gosens: Ich habe mit Simon Rolfes telefoniert und es war ein offener und ehrlicher Austausch. Ich habe ihm gesagt, dass ich bei Inter noch nicht fertig bin und attackieren möchte. Ich fühle mich bei Inter aktuell sehr wohl und bin sicher nicht gegen meinen Willen dort. Ich bin voll motiviert und freue mich auf die Aufgaben. Ich bin aber nur dann zufrieden, wenn ich auf dem Platz stehe, diesen Anspruch habe ich an mich selbst.

Gosens: Schalke wäre das perfekte Match

SPORT1: Sie haben bei der Anreise zur Nationalmannschaft hier in Frankfurt betont, dass Sie sich Ihren Traum von einem Bundesliga-Wechsel nochmal erfüllen werden. Woher kommt diese Zuversicht?

Gosens: Ich habe diesen großen Willen, das zu realisieren. Ich glaube, dass ich als deutscher Spieler, der in der Nationalmannschaft spielt und Auslandserfahrung hat, auch in Zukunft für viele Bundesliga-Klubs interessant sein kann. Ich habe die Bundesliga immer von klein auf verfolgt und gucke sie auch hier aus Italien heraus als einzige Liga konstant. Natürlich gibt es keine Garantie, dass es passiert, aber ich würde mir das total wünschen.

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SPORT1: Sie sind bekanntermaßen Schalke-Fan. Wer waren früher Ihre Lieblingsspieler in der Bundesliga?

Gosens: Bastian Schweinsteiger fand ich immer richtig gut. Bei Schalke war ich ein Riesen-Fan von Marcelo Bordon und Christian Pander. Pander war ein Idol für mich. Und sonst habe ich immer zu David Alaba aufgeschaut. Er kann auf jeder Position spielen und liefert als Allrounder total ab.

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SPORT1: Landen Sie irgendwann bei Schalke?

Gosens: Wenn sich der Traum Bundesliga in Zukunft nochmal realisieren sollte, dann wäre Schalke sicherlich das perfekte Match. Mein Patenonkel hat mich damals das erste Mal ins Parkstadion mitgenommen, Schalke war immer mein Verein. In der Region sind fast alle für Schalke. Wenn ich irgendwann mal da lande, würde sich der Kreis schließen.

So sieht Gosens die Prämien-Debatte

SPORT1: Sprechen wir nochmal über die Nationalmannschaft. In weniger als acht Wochen beginnt die WM in Katar. Manuel Neuer und Co. verhandeln gerade um die WM-Prämie für das DFB-Team. 400.000 Euro stehen im Raum, die Frauen hätten beim EM-Titel gerade mal 60.000 Euro pro Kopf erhalten. Finden Sie das unfair?

Gosens: Viele tun ja so, als sei Frauenfußball ein anderer Sport. Die Mädels spielen auf absolutem Topniveau. Ich habe die EM im Sommer gesehen und war heftig begeistert. Wir müssen mehr Akzeptanz schaffen. Es braucht eine bessere Infrastruktur, damit die Mädels diesen Sport noch professioneller betreiben können. Dann wird er noch attraktiver, es gucken noch mehr Menschen zu und es fließt automatisch auch mehr Geld - denn das haben die Frauen absolut verdient.

Die SPORT1-Chefreporter Kerry Hau (l.) und Patrick Berger (r.) trafen Robin Gosens (M.) im Teamquartier der Nationalmannschaft zum Interview

Die SPORT1-Chefreporter Kerry Hau (l.) und Patrick Berger (r.) trafen Robin Gosens (M.) im Teamquartier der Nationalmannschaft zum Interview

SPORT1: Also haben Sie Manuel Neuer nicht mit auf dem Weg gegeben, dass er mit Bernd Neuendorf und Hans-Joachim Watzke clever verhandeln soll?

Gosens: Nach einem Jahr Abstinenz bin ich sicher nicht der, der etwas mitzuentscheiden hat. Ein WM-Pokal lässt sich sowieso mit keinem Geld der Welt aufwiegen. Der WM-Sieg wäre die Erfüllung eines absoluten Lebenstraums und hätte eine große Bedeutung für die Bevölkerung in Deutschland. Ich weiß ja selbst noch, wie glücklich ich 2014 war. Da war ich noch ein ganz normaler Fußball-Fan und die Nationalmannschaft für mich ganz weit weg.

Wie Gosens das WM-Finale 2014 erlebte

SPORT1: Wie haben Sie den Finalsieg am 13. Juli 2014 gegen Argentinien verfolgt?

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Gosens: Zuhause auf der Fanmeile bei uns in Bocholt. Wir haben hart gefeiert, als Mario das Ding reingemacht hat. Das war gigantisch. Ich hatte ein Schweinsteiger-Trikot an, das weiße DFB-Trikot mit der Nummer 7 hinten drauf.

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SPORT1: Was würden Sie machen, wenn Sie als Spieler den Titel holen würden?

Gosens: Die Nacht würde sicher nicht enden. Leider hat der Pokal keine Öffnung, sonst würde ich literweise daraus trinken. Die WM zu gewinnen, das ist so ein großes Ding. Mehr geht ja nicht. Ich habe oft mit Manu Neuer und Toni Kroos darüber gesprochen. Als sie davon erzählt haben, wurde mir warm ums Herz.

SPORT1: Wie hoch schätzen Sie die Chancen denn ein?

Gosens: Wir spielen fast alle bei Topvereinen in der Champions League und Europa League. Ich sehe es als absolut realistisch an, dass wir um den Titel mitspielen.

SPORT1: Und wie verfolgen Sie die Diskussion um einen WM-Boykott?

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Gosens: Es ist eine unglaublich schwierige Diskussion. Wir Spieler stecken in einem echten Zwiespalt. Wenn ich ehrlich bin: Wir sind ja nicht blind und kriegen alle Missstände mit. Man hätte vor der Vergabe der WM nach Katar auf Verbesserungen drängen müssen, nicht erst hinterher. Denn es gibt so viele Punkte, in denen Katar noch wichtige Fortschritte machen muss. Als Spieler habe ich selbst aber die Chance, mir mit der WM-Teilnahme einen großen Lebenstraum zu realisieren. Das ist emotional ein ziemlich schwieriger Spagat für uns Spieler.