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"Kimmich ist der Chef wie früher Matthäus": Kult-Keeper Király schwärmt vor Deutschland-Duell

Király: „Hier spielt Flick mit Risiko“

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Vor dem UEFA-Nations-League-Spiel am Freitag gegen Deutschland spricht Ungarns Torwartlegende Gabor Király im SPORT1-Interview über das Duell, Joshua Kimmich und Rekordnationalspieler Lothar Matthäus.

Gabor Király kam immer gut an bei Fans und Experten. Nicht nur wegen seiner starken Leistungen für Hertha BSC und 1860 München. Király war auch wegen seiner langen, grauen Schlabberhose Kult.

197 Mal stand er in der Bundesliga zwischen den Pfosten, 18 Jahre hütete Kiraly das ungarische Tor, bestritt 108 Länderspiele.

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2019 beendete der Schlussmann dann seine Karriere. Heute lebt er in Szombathely, zehn Kilometer entfernt von Österreich, eine Stunde entfernt von Wien. Király hat einen eigenen Fußballverein.

Vor dem UEFA-Nations-League-Spiel seiner Ungarn am Freitag gegen Deutschland in Leipzig (Deutschland - Ungarn am Freitag ab 20.45 Uhr im LIVETICKER) spricht der 46-Jährige bei SPORT1-Interview über das Duell, Joshua Kimmich, Antonio Rüdiger - und schwärmt von Rekordnationalspieler Lothar Matthäus.

SPORT1: Herr Király, die deutschen Fans denken gerne an das WM-Finale 1954 in Bern zwischen Ungarn und Deutschland zurück. Am Freitag kommt es zum erneuten Duell. Wie groß ist die Vorfreude?

Gabor Király: Sehr groß, wir Ungarn freuen uns immer auf dieses Duell. Beim Blick auf die Tabelle sehen wir, dass Ungarn als Tabellenführer eine sehr gute Ausgangsposition hat. Dies hat sich unsere Nationalmannschaft hart erarbeitet, aber auch dank der tollen Entwicklung in den vergangenen Jahren verdient. Doch jedes Spiel ist anders und es kann viel passieren. Deutschland ist auch dieses Mal der Favorit.

Deutschland-Favorit, aber „Ausgangslage nicht schlecht“

SPORT1: Das letzte Duell endete in München 2:2. Können Sie sich noch erinnern?

Király: Na klar. Damals hatten die Deutschen einige Probleme, Ungarn ging in diesem Spiel zweimal in Führung. Wir konnten damals ohne Druck spielen. Dann war unsere Nationalmannschaft immer am gefährlichsten. Doch wenn die Deutschen ihre Qualität ganz konsequent abrufen, können sie dieses Spiel entscheiden. (DATEN: Spielplan und Ergebnisse der Nations League).

SPORT1: Was denken Sie über die fünf Spieler aus der Bundesliga: Willi Orban, Roland Sallai, Dominik Szoboszlai, Peter Gulácsi und Andras Schäfer?

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Király: Ich bin sehr froh, dass diese Jungs dabei sind. Jeder von ihnen hat Bundesliga-Erfahrung. Das ist auch sehr gut für unsere jungen Spieler. Diese fünf Spieler wissen, was der deutsche Fußball ihnen gegeben hat. Wenn man das versteht, kann man gut dagegen halten. Wir sind auf einem guten Weg. Vor 20 Jahren spielten auch einige Bundesliga-Stars für Ungarn. Ich erinnere mich noch an 2004, da haben wir in Kaiserslautern gegen die Deutschen 2:0 gewonnen, aber wir haben auch mal 2:5 gegen das deutsche Team verloren. Es waren oft tolle, interessante Spiele. Das war immer gut für unsere Entwicklung.

SPORT1: Wie sehen Sie generell die Entwicklung der ungarischen Nationalmannschaft seit der EM 2021?

Király: Das Selbstbewusstsein jedes einzelnen Spielers ist deutlich gestiegen. Mit Marco Rossi haben wir einen klasse Strategen als Nationaltrainer. Er macht einen super Job, hat ein gutes taktisches Gespür. Ein Highlight war sicher das Spiel zuletzt in England. Wir haben gegen die Three Lions vier Tore erzielt und keines bekommen. Das passiert ganz selten und es war ein Riesen-Erfolg für unsere Mannschaft. Wenn wir kompakt und konzentriert spielen, dann wird es auch für Deutschland schwierig.

SPORT1: Was ist die große Stärke von Ungarn?

Király: Die mannschaftliche Geschlossenheit. Diese ist bei uns ganz stark ausgeprägt. Die Qualität bei den deutschen Spielern ist vielleicht etwas besser, aber als Team können wir Deutschland Probleme bereiten. Wenn es im Kollektiv bei den Deutschen funktioniert, dann müssen wir sicher aufpassen. In den zurückliegenden Partien wirkten die Spieler von Hansi Flick aber nicht so fokussiert. (DATEN: Tabellen der Nations League).

Király: „Kimmich extrem wichtig für Deutschland“

SPORT1: Worauf muss das ungarische Team aufpassen?

Király: Die jungen deutschen Spieler wie Wirtz, Musiala oder Raum sind sehr wild. Und hier spielt Flick mit Risiko. Diese Profis haben sehr viel Speed. Junge Spieler können die älteren mit ihrer Unbekümmertheit unterstützen. Wenn es in der gesamten Mannschaft stimmt, dann ist das Spiel von Deutschland stabiler und sie sind immer für ein positives Ergebnis gut.

SPORT1: Welchen deutschen Spieler sehen Sie besonders gerne?

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Király: Ich sehe Joshua Kimmich sehr gerne, er ist aber nicht mehr einer der jungen Wilden, von denen ich gerade gesprochen habe. Kimmich hat extrem viel Erfahrung gesammelt. Und das hat Deutschland immer ausgezeichnet, dass solche Entwicklungsprozesse stattfinden wie bei Kimmich. Er ist das perfekte Beispiel eines Führungsspielers. Er ist jetzt schon der Chef wie früher ein Lothar Matthäus. Kimmich redet nicht nur, sondern bringt immer Leistung. Er ist extrem wichtig für Deutschland. So muss eine Entwicklung eines Profis sein. Auch sein Auftreten in der Öffentlichkeit ist bewundernswert. Mit Neuer und Kimmich hat Deutschland unglaublich viel Glück. (Alle News und Hintergründe zur deutschen Nationalmannschaft).

SPORT1: Wie lange trauen Sie es Neuer noch zu im Tor zu stehen?

Király: Im Fußball kommt es vor, dass ein Spieler lange Zeit auf höchstem Niveau spielen kann, vor allem im Tor. Neuer ist einer dieser Spieler. Er wird wissen, wo seine körperlichen und mentalen Grenzen liegen. Wichtig ist, dass er sein Bestes gibt, damit er am Ende seiner Karriere kein Gefühl der Unzulänglichkeit verspürt.

SPORT1: Antonio Rüdiger ist der Chef in der Abwehr. Er spielt jetzt bei Real Madrid und hat eine beachtliche Entwicklung genommen. Oder? (Antonio Rüdiger im SPORT1-Interview: „Manu war angepisst“)

Király: Ich erinnere mich noch daran, als wir mit 1860 gegen den VfB Stuttgart gespielt haben. Da spielte Rüdiger mit 17 oder 18 schon in der ersten Mannschaft. Es war damals schon beachtlich, wie er aufgetreten ist. Rüdiger ist eine Maschine. Er arbeitet sehr viel und will immer zeigen, dass ihm Verantwortung wichtig ist. Natürlich macht er hier und da mal einen Fehler, aber er geht immer weiter, steckt nie den Kopf in den Sand, das sieht man auch an seiner Vita. Er will immer das Maximale erreichen, das ist eine starke Eigenschaft. Er hat für seinen Weg viel gearbeitet. Rüdiger imponiert mir sehr.

Gabor Király schwärmt von Antonio Rüdiger (l.)

Gabor Király schwärmt von Antonio Rüdiger (l.)

Matthäus: „war Gold wert“

SPORT1: Lothar Matthäus war 2004/2005 Nationaltrainer von Ungarn. Was hat sich seitdem für den Fußball in Ihrem Land verändert?

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Király: Einiges. Die deutsche Mentalität ist bei uns ein bisschen reingekommen. Matthäus war sehr wichtig für den ungarischen Fußball, schade, dass er nur so kurz da war. Er war ein guter Trainer. Die Ungarn haben immer zu Matthäus hoch geschaut. Es war für mich sehr gut, mit solch einem Trainer zu arbeiten. Matthäus hat so viel Erfahrung. Wenn er etwas sagte, hat man es ihm abgenommen. Er hat diese deutschen Tugenden als Trainer auf dem Platz gezeigt. Für die jungen, ungarischen Spieler war ein Trainer wie Matthäus Gold wert. Bernd Storck hat übrigens auch viel Mentalität bei uns reingebracht.

SPORT1: Hätten Sie sich gewünscht, dass Matthäus damals länger geblieben wäre?

Király: Ganz klares ja. Eine solche Persönlichkeit wünscht sich jede Nation. Matthäus tat uns allen gut. Er macht auch als TV-Experte eine sehr gute Figur und zeigt, wieviel er vom Fußball versteht. Wie Matthäus will auch ich meine Erfahrung an unsere jungen Spieler weitergeben.

Gabor Király (l., Nummer 1) spielte unter Lothar Matthäus (r.)

SPORT1: Ist Dominik Szoboszlai ist mit 21 Jahren auch noch sehr jung, aber es scheint, als wäre er für Ungarn so wichtig wie Kimmich für das DFB-Team?

Király: Schon. Szoboszlai ist ein großes Talent, braucht aber noch Zeit. Von der Wichtigkeit her kann man beide schon vergleichen. Szoboszlai ist auf einem sehr guten Weg und schießt entscheidende Tore und entscheidet dadurch Spiele. Das ist für mich wichtig. Szoboszlai wird ein großer Spieler für Ungarn. Er kann wertvoller werden als Kimmich für die Deutschen. Aber er muss weiter hart arbeiten und regelmäßig seine Aufgaben erfüllen. Mir gefällt der Junge. Szoboszlai ist unser Unterschiedsspieler.

SPORT1: Was ist das Besondere an Trainer Marco Rossi?

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Király: Marco kennt den ungarischen Fußball und unser Land ganz genau. Er gewann als Trainer mit Honved Budapest die Meisterschaft und weiß, wie die jungen Spieler ticken und welche Stimmung im ungarischen Fußball herrscht. Marco kann mit den Menschen sehr gut umgehen. Er weiß, wo die Talente sind und welche erfahrenen Spieler er braucht. Er hat alles unter Kontrolle. Ich bin froh, dass wir solch einen Trainer mit einer klaren Linie haben. Sein strategisches Denken passt immer.

Sieg gegen Deutschland möglich? „Absolut“

SPORT1: Ist am Freitag ein Sieg für Ungarn möglich?

Király: Absolut. Wir haben keine Angst vor Deutschland, sondern konnten wie bereits erwähnt in der Vergangenheit viel Selbstvertrauen tanken. Die letzten Duelle waren schon sehr knapp. Als Tabellenführer glauben wir natürlich an einen Sieg gegen die Deutschen.

SPORT1: Letzte Frage: Wollen Sie irgendwann als Torwarttrainer zurück nach Deutschland? Die A-Lizenz haben Sie ja.

Király: Ich bin gerade Leiter unserer Akademie und mache einen Sportdirektor-Kurs, damit ich zum sportlichen auch das wirtschaftliche Know-how habe. Ich wollte nie Torwarttrainer werden, sondern wollte immer in die Manager-Ebene. Ich möchte im operativen Geschäft arbeiten. Natürlich mache ich hier und da Torwarttraining, aber das ist zu leicht für mich. In Zukunft ist eine Rückkehr nach Deutschland durchaus denkbar. Vielleicht zur Hertha oder zu 1860. Warum nicht?