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Tour de France: Entwicklung von Favorit Tadej Pogacar sorgt für Zweifel

Zweifel an "Pogacarmstrong" wachsen

So läuft die Tour de France 2021

Tadej Pogacar scheint auf dem Weg zu seinem zweiten Tour-Titel kaum zu stoppen. Die Entwicklung des Wunderkindes löst aber nicht nur Jubel, sondern auch Zweifel aus.

Nach zwei Tagen im außerirdischen Tempo ließ es Tadej Pogacar irdisch ruhig angehen. Den ersehnten Ruhetags-Annehmlichkeiten mit Ausschlafen, Massagen und kleiner Ausfahrt folgte erst am späteren Nachmittag der unangenehme Part in Form einer kleinen Presserunde.

Ungewöhnlich genug für den wortkargen Spitzenreiter der Tour de France, der wie sein zugeknöpftes UAE-Team nur ungern lästige Fragen beantwortet. Vor allem eine: Wie in aller Welt sind derartige Leistungen für einen 22-Jährigen möglich?   

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Pogacar: "Ihre Zweifel sind falsch"

"Ich denke, wir haben genug Kontrollen, um den Leuten zu zeigen, dass ihre Zweifel falsch sind", sagte der Slowene zu diesem Thema am Montag ganz stoisch und schob die Anzahl seiner Dopingtests hinterher. Das müsse als Beweis genügen. Und überhaupt sei sein Geheimnis: "Am Ende brauchst du einfach harte Beine."

Am Sonntag, als er in Tignes bei einer neuerlichen Machtdemonstrationen in den Alpen erneut die wenigen noch verblieben Rivalen abhängte und die Gesamtführung ausbaute, wirkte Pogacar allerdings, als hätte er mindestens vier Beine. Und erinnerte damit an dunkle Dominatoren der Tour, so dass sogleich der Spitzname "Pogacarmstrong" die Runde machte. (Die Favoriten der Tour de France 2021)

"Er fährt hier einfach ein anderes Rennen. Wir müssen schauen, dass wir unser eigenes fahren", sagte Richard Carapaz, ecuadorianischer Gesamtfünfter und noch der aussichtsreichste Konkurrent von Pogacar, an dessen erfolgreicher Titelverteidigung derzeit niemand aufrichtig zweifelt. "Die Tour ist gelaufen", sagte auch Belgiens Radlegende Eddy Merckx.

Pogacar am Berg stärker

Als Pogacar im Vorjahr wie eine Naturgewalt über die Tour hereinbrach und sich am vorletzten Tag das Gelbe Trikot schnappte, war auch die Fachwelt beeindruckt. Noch bemerkenswerter aber ist: Während andere blutjunge Toursieger wie Jan Ullrich (23/1997) oder Egan Bernal (22/2019) im Jahr danach mehr oder minder große Rückschläge erlitten, die Entwicklung eben nicht mehr rasend weiter nach oben ging, ist Pogacar noch deutlich stärker geworden - am Berg, vor allem aber im flachen Zeitfahren, das er bei der Tour in der Vorwoche gewann.

"Pogacar wirkt wie ein Außerirdischer. Er steht im Mittelpunkt der Debatten, weil er auf einem solch außergewöhnlichen Level fährt", sagte AG2R-Sportdirektor Julien Jurdie, dessen Schützling Ben O'Connor am Sonntag in Tignes als Außenseiter gewann.

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Den Franzosen macht das brutal starke Auftreten der beiden "arabischen" Teams UAE Emirates und Bahrain Victorious (gewann zwei schwere Etappen) stutzig: "Ich frage mich, ob solche Dominanz möglich ist, und ich habe keine Antwort. Ich verstehe, dass da Zweifel entstehen."

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Zweifel an Leistungen sind hausgemacht

Zweifel an der Aufrichtigkeit von Pogacars Leistungen sind allerdings hausgemacht, ist sein Umfeld im UAE-Team doch vor allem von bestenfalls mittelgut beleumundeten Personen besetzt. Teamboss Mauro Gianetti war als Manager des Teams Saunier-Duval um Erzdoper Ricardo Ricco 2008 in einen der größten Skandale der Tour de France verwickelt, Tour-Boss Christian Prudhomme nannte den Schweizer einen "Mann von schlechtem Ruf". 

Er ist ein Schicksalsberg der Tour de France: Der legendäre Col du Tourmalet ist mit 2115 Metern der höchste Straßenpass der französischen Pyrenäen und gehört zu den Klassikern der großen Schleife. Seine Geschichte ist voller Dramen und Triumphe. 2019 wird er zum 83. Mal absolviert. SPORT1 blickt auf seine bewegte Geschichte zurück
Er ist ein Schicksalsberg der Tour de France: Der legendäre Col du Tourmalet ist mit 2115 Metern der höchste Straßenpass der französischen Pyrenäen und gehört zu den Klassikern der großen Schleife. Seine Geschichte ist voller Dramen und Triumphe. 2019 wird er zum 83. Mal absolviert. SPORT1 blickt auf seine bewegte Geschichte zurück © Imago
Dass Tourmalet übersetzt "schlechte Straße" bedeutet, ist bei den Bildern aus den Anfangsjahren keine Überraschung. 1910 ist der Berg erstmals Teil der Tour. Damals gibt es noch wilde Bären in diesem Gebiet. "Entdecker" Alphones Steines kommt bei der Erkundung des ersten Hochgebirgspasses des Rennens fast ums Leben © Getty Images
Der spätere Gesamtsieger Octave Lapize ist der erste Gipfelstürmer, bezeichnet aber die Organisatoren nach der Etappe, die auch über den Col d'Aubisque führt, als Mörder © Imago
Ein einmaliges Kapitel schreibt 1913 der Franzose Eugène Christophe (2.v.l.). Der französische Hoffnungsträger kommt als Zweiter der Gesamtwertung in die Pyrenäen. Er erstürmt den Tourmalet, auf der Abfahrt bricht ihm jedoch die Gabel © Getty Images
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Weil damals fremde Hilfe verboten ist, marschiert Christophe 14 Kilometer zu Fuß ins Tal, findet eine Schmiede und bastelt sich eine neue Gabel. Weil der Sohn des Schmieds den Blasebalg bedient, gibt's eine einminütige Zeitstrafe. Insgesamt kostet ihn das Pech vier Stunden und den Sieg. Heute erinnert eine Plakette daran © Getty Images
Neben L'Alpe d'Huez, Galibier und und Mont Ventoux ist der Tourmalet der Dauerbrenner im Programm der großen Schleife © Getty Images
Mindestens ebenso bekannt wie die legendären Antritte und Siege auf dem Tourmalet sind seine Fans: Hunderte weiße Campingfahrzeuge säumen den Pass, zigtausende Fans begleiten die Fahrer - auch in teils skurrilen Kostümen © Getty Images
Insgesamt ist der Aufstieg lange und beschwerliche 19 Kilometer lang, vom Startpunkt Luz-Saint-Sauveur aus sind 1410 Höhenmeter bis zum Gipfel auf 2115 Meter zu erklimmen © Getty Images
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Kurios: Obwohl kein Anstieg in der 116-jährigen Geschichte der Tour de France häufiger im Programm stand, endet die Etappe in diesem Jahr erst zum dritten Mal nach 1974 und 2010 auf dem Gipfel © Getty Images
Alle großen Stars der Geschichte müssen sich über den Berg quälen - auch der fünfmalige Champion Bernard Hinault (r.) © Getty Images
1977 liefern sich der Belgier Lucien Van Impe, Lokalheld Bernard Thevenet und der Niederländer Joop Zoetemelk (v.l.) ein heißes Duell. Van Impe schafft es und schlüpft ins Bergtrikot - am Ende ist er auch in Paris vorn © Getty Images
Auf dem Weg zu seinem zweiten Tour-Sieg leidet auch der Amerikaner Greg Lemond. Die Etappe holt sich der schottische Bergfloh Robert Millar © Getty Images
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Bei vier seiner fünf Gesamterfolge erklimmt der Spanier Miguel Indurain zwischen 1991 und 1995 den Tourmalet - allerdings nie als Erster © Getty Images
Richard Virenque lässt die Franzosen 1994 und 1995 jubeln. 1997 ist er der bis 2014 letzte Franzose auf dem Podium © Getty Images
Der inzwischen als Betrüger entlarvte Lance Armstrong (r.) holt sich 2002 auf dem Anstieg in den Skiort La Mongie auch das Gelbe Trikot - sein Triumph ist annulliert © Getty Images
Ein Jahr später bringt ihn Dauerrivale Jan Ullrich am Tourmalet in gewaltige Schwierigkeiten. Am Schlussanstieg nach Luz-Ardiden kommen dann Armstrong und Iban Mayo spektakulär wegen der Tasche eines Zuschauers zu Fall, Ullrich wartet fair und wird später zum Dank abgehängt © Getty Images
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Den Rekord für die schnellste Befahrung stellt 2010 der Luxemburger Andy Schleck auf. In 50 Minuten und zehn Sekunden stürmt er mit dem Gesamtführenden Alberto Contador nach oben. Der Spanier ist auch am Ende vorn, wird aber später disqualifiziert. Schleck erbt im Mai 2012 den Toursieg, stand aber selbst mit Doping-Arzt Fuentes in Kontakt und fuhr - wie auch Contador oder Jens Voigt - im Team des geständigen Betrügers Bjarne Riis © Getty Images
Auch die deutsche Zukunftshoffnung Emanuel Buchmann hat gute Erinnerungen an den Giganten der Pyrenäen: Bei seiner ersten Teilnahme an der Tour 2015 wird er sensationell Dritter auf der schweren Bergetappe rund um den Tourmalet, den Sieg fährt der Pole Rafal Majka ein. Am Samstag will Buchmann erneut für Furore sorgen © Getty Images
Majka (l.) ist der einzige Nicht-Franzose, der seit 2010 die Etappe am Tourmalet gewinnen konnte. 2016 triumphiert mit Thibaut Pinot (r.) ein weiterer Bergspezialist © Getty Images
Im vergangenen Jahr ging der Sieg an Julian Alaphilippe, den aktuellen Träger des Gelben Trikots. Der Triumph war für Alaphilippe der Grundstein zum Gewinn des Bergtrikots. In diesem Jahr würde er gerne ein andersfarbiges Trikot bis nach Paris fahren © Getty Images

Pogacars Sportdirektor und Landsmann Andrej Hauptman wurde 2000 wegen verdächtiger Blutwerte aus der Tour ausgeschlossen. Und Pogacars Arzt und Trainingsplaner Inigo San Millan ist für seine eher experimentellen Methoden, Mittel und Ansätze bekannt.  

Pogacar wird die Zweifel kaum nachhaltig ausräumen können, schon gar nicht durch einen erneuten Tour-Sieg, vielleicht am ehesten noch durch maximale Transparenz. Die Unschuldsvermutung gilt nämlich im Radsport seit den skrupellosen Machenschaften rund um die Jahrtausendwende nur noch sehr bedingt.  

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