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Leichtathletik: Gertrud Schäfer moniert mangelhaftes Training beim DLV

Ex-Meistertrainerin attackiert DLV

Gertrud Schäfer kritisiert das mangelhafte Training vieler DLV-Coaches

Gertrud Schäfer kritisiert das mangelhafte Training vieler DLV-Coaches © PORT1-Grafik: Marc Tirl/Imago/Privat

Anstatt um Olympiamedaillen zu kämpfen, müssen viele deutsche Leichtathleten verletzungsbedingt passen. Für Ex-Trainerin Gertrud Schäfer trägt der DLV die Hauptschuld.

Lange Zeit war ungewiss, ob die 2020 verschobenen Olympischen Spiele in Tokio ein Jahr später stattfinden können. Weil die Corona-Situation in der japanischen Hauptstadt noch im Mai besorgniserregend war, sprach sich ein Großteil der Bevölkerung für eine abermalige Verschiebung aus.

Nach einer Erholung steigen die Zahlen in Tokio zwar wieder leicht, doch die Spiele werden aller Voraussicht nach stattfinden. Trotzdem müssen viele deutsche Leichtathleten zu Hause bleiben. (Alles Wichtige zu Olympia)

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Thomas Röhler, David Storl, Pamela Dutkiewicz oder Raphael Holzdeppe, um nur einige DLV-Stars zu nennen, haben wegen Verletzungen ihre Teilnahmen am Großereignis abgesagt. Die Liste ist ebenso lang wie prominent – und sorgt für Frust bei Athleten und Trainern. 

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Dabei ist das Problem zu großen Teilen hausgemacht, sagt Gertrud Schäfer. Für die heute 76 Jahre alte Trainerin, die unter anderem die Siebenkämpferin Sabine Braun 1991 und 1997 zu WM-Gold, 1990 und 1994 zu EM-Gold und 1992 zu Olympia-Bronze führte, tragen der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) in letzter Konsequenz und die beim Verband angestellten Bundestrainer die Hauptschuld an den zahlreichen Ausfällen.

Für Schäfer hat ein Großteil der deutschen Trainer nicht die nötige Kompetenz, um ihre Athleten zielführend auf die Wettkämpfe vorzubereiten – im Gegenteil.

"Was hat die tiefe Kniebeuge mit unseren Übungen zu tun?"

"Die angestellten Trainer des Verbandes können doch gar nicht anders als den Leuten oben nach dem Mund zu reden", sagt sie im Gespräch mit SPORT1. "Ich als pensionierte Beamtin muss gar nichts machen, was die wollen. Ich mache, was für den Athleten richtig ist. Ich gucke mir die Wettkämpfe immer unter dieser Prämisse an."

In ihrer gesamten Trainerkarriere musste sich kein(e) einzige(r) ihrer Topathlet(inn)en einer sportbedingten Operation unterziehen. "Darauf bin ich besonders stolz", sagt sie.

Gertrud Schäfer (r.) mit Sabine Braun

Was die frühere Kugelstoßerin, die sich über die Jahre ein ungeheures Wissen aneignete, dagegen in der täglichen Arbeit deutscher Trainer sehe, mache sie betroffen.

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"Man muss sich nur mal die Ausfälle in Ratingen anschauen", beklagt Schäfer, die den Zehn- und Siebenkampf am 19./20. Juni vor Ort verfolgte. "Da wird einfach nicht richtig trainiert. Da wird immer noch das Krafttraining aus dem Gewichtheben gemacht und die am meisten beanspruchten Körperteile nicht entsprechend trainiert und belastet. Was hat denn die tiefe Kniebeuge mit unseren Übungen zu tun?", fragt sie etwa kopfschüttelnd.

Auch im medizinischen Bereich liege vieles im Argen – das beginne schon bei den Grundlagen.

Crouser knackt Weltrekord im Kugelstoßen

"Die normalen sportärztlichen Untersuchungen kannst du im Grunde knicken. Die müssen viel intensiver sein", sagt sie. "Wenn ein Athlet bei mir anfängt zu trainieren, dann kommt er erst einmal in meinen Trainingskeller und dann schaue ich mir die Strukturen an." Das derzeitige System der Zentralisierung im DLV verhindere, dass die besten Athleten auch von den besten Trainern, Medizinern und Physiotherapeuten betreut würden.

Querdenker beim DLV nicht erwünscht?

"Wir haben auch bei uns exzellente Leute. Es gibt zum Beispiel eine Ärztin, die hervorragend ist. Sie kommt aber nicht nach oben, weil sie nicht 'teamfähig' nach DLV-Kriterien ist. Aber was heißt schon teamfähig? Man muss gegen den Strom schwimmen, wenn man Fehler entdeckt. Die angestellten Trainer des Verbandes können doch gar nicht anders als sich 'systemgetreu' zu verhalten."

Die besten deutschen Leichtathleten müssen auch von den kompetentesten Fachleuten betreut werden – das ist Schäfers Forderung.

"Ich würde die Athleten zu den besten Trainern schicken; das müssen keine Bundestrainer sein. Das sind nämlich nicht immer gleichzeitig die besten Trainer. Die Zentralisierung ist vollkommen falsch", sagt Schäfer.

Letztlich müssen die Athleten unter dem falschen Training leiden - auch einige derjenigen, die es nach Tokio geschafft haben. Denn auch bei den Gold-Kandidaten Malaika Mihambo und Johannes Vetter hat Schäfer große Zweifel, dass sie die nächsten Monate und Jahre verletzungsfrei überstehen.

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Bei der Weitsprung-Weltmeisterin Mihambo schlägt sie buchstäblich die Arme über den Kopf zusammen. "Ihr Absprung ist eine Katastrophe", beklagt Schäfer. "Normalerweise muss die Fußspitze etwas nach außen zeigen, Mihambo setzt sie aber überaus stark nach innen."

Malaika Mihambo bei der DM in Braunschweig

Die Folgen seien für die gesamte Statik verheerend. "Du trainierst den Fuß falsch, das kommt am Knie falsch an und an der Hüfte auch. Die Trainer haben überhaupt keine Ahnung und sind sowas von unbedarft in der Erkennung und Handhabung anatomischer Schwächen. Ich musste neulich lachen, als der TV-Kommentator sagte, dass sie den Fuß sehr nach innen setzt – aber diejenigen, die dafür zuständig sind, sehen das nicht oder sind nicht in der Lage, es zu ändern?"

Mihambo-Absprung sorgt bei Schäfer für Entsetzen

Bei einem Fußvergleich im Absprung von 2020 und 2021 hat sich die Innenrotation des Fußes im Absprung bei Mihambo nachweislich stark verschlechtert. Ihre falsche Fußstellung sehe man sogar im außersportlichen Alltag: "Wenn man Fotos von ihr bei der Sportlerwahl in Baden-Baden sieht, dann erkennt man, wie sie den rechten Fuß nach innen dreht."

Auch bei Speerwurf-Star Vetter hat Schäfer ganz genau hingeschaut – und befürchtet ebenfalls negative Folgen. (Alles Wichtige zur Leichtathletik)

"Er setzt vorne den Fuß des Stemmbeines nach außen verdreht und auf der Innenseite auf und überbeansprucht den hinteren Fuß, den er über den Boden schleift, stark. Sein Trainer Boris Obergföll macht ansonsten ein wirklich ordentliches Training, aber es sind oft diese kleinen Sachen, die die Leute irgendwann aus dem Rhythmus bringen."

Beim zweimaligen Kugelstoß-Weltmeister David Storl, der Tokio wegen langwieriger Rückenprobleme verpasst, sei der Ausfall hausgemacht. "Ich habe mal früher ein Foto von ihm beim Krafttraining gemacht, wo er sich vorne herüberbeugt. Da sieht man ganz genau, dass die Muskulatur in den Bereichen, wo er stark sein sollte, überhaupt nicht gewappnet ist." Manchmal könne auch ein Trainerwechsel die Versäumnisse der Vergangenheit nicht mehr richten.

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Harting in Sorge: "Wird Opfer geben"

Ähnliches gelte für den Hochsprung-Europameister Mateusz Przybylko, der nach seinem Coup von Berlin 2018 nicht mehr auf die Beine kam, dennoch überraschend auf der Tokio-Liste steht.

Sorgen um Konstanze Klosterhalfen

"Przybylko geht in eine unglaublich starke Pronation und er hat O-Beine. Die kannst du auch zu einem gewissen Grad begradigen – aber du musst die Übungen kennen! Da sehe ich große Defizite im Anwendungsbereich ganz spezieller Einflussnahmen", betont Schäfer.  

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Konstanze Klosterhalfen nach ihrem 3. Platz bei der WM 2019 in Doha

Große Sorgen hat sie auch bei Deutschlands Top-Läuferin Konstanze Klosterhalfen, die seit zweieinhalb Jahren am Campus des ehemaligen Nike Oregon Projects trainiert wird - und die für Tokio nur für die 10.000-Meter-Strecke nominiert wurde.

"In den USA ist man in der Breite bei der Verletzungsprophylaxe sicherlich weiter als in Deutschland. Aber mich macht ein bisschen betroffen, dass man ihre Verletzungen nicht in den Griff bekommt. Weil ihren Strukturen nicht der Normalität entsprechen, muss man stark gegensteuern."

Konstanze Klosterhalfen ist aktuell das große deutsche Leichtathletikwunder. Über 5000 Meter pulverisiert sie in Boston den Hallen-Europarekord. In 14:30,79 Minuten bleibt sie deutlich unter dem bisherigen Rekord der Rumänien Gabriela Szabo aus dem Jahr 1999 (14:47,35) © Getty Images
Mit ihrer Zeit stürmt sie auf Platz vier der ewigen Weltbestenliste. Bereits Anfang Februar verbessert Klosterhalfen zwei ihrer deutschen Rekorde. Beim Hallenmeeting in New York läuft sie die Meile in 4:17,26 Minuten, zudem durchbricht sie mit ihrer 1500-m-Durchgangszeit (3:59,87) erstmals die Vier-Minuten-Schallmauer über diese Distanz © Getty Images
Natürlich rufen diese enormen Leistungssteigerungen auch Zweifler auf den Plan. Diese wurden in der Vergangenheit durch ihr Mitwirken am Nike Oregon Project (NOP) noch befeuert. Gegen den Chef des Projekts, Alberto Salazar, ermittelt die US-Anti-Doping-Behörde, nachgewiesen wurde ihm bislang jedoch nichts © Getty Images
Das NOP wird im Oktober 2019 eingestellt. Klosterhalfen trainiert trotzdem weiterhin in den USA bei Trainer Pete Julian © Getty Images
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Dass Klosterhalfen unter Generalverdacht steht, findet sie unfair. "Man bekommt das mit und ist im ersten Moment auch nicht glücklich darüber. Aber ich gehe nicht darauf ein und lasse es so gut es geht an mir abprallen. Ich weiß inzwischen, wie viel hier gearbeitet wird, wir Athleten trainieren superhart und die Leute hier kitzeln jede Kleinigkeit heraus", sagt sie 2019 im Gespräch mit SPORT1 © Getty Images
Aber zweifelsfrei ist ihre Steigerung in den vergangenen Jahren imposant, auch weil ihre Anlagen (1,74 Meter, 48 Kilogramm) vielversprechend sind. Der Umzug in die USA, wo sie perfekte Trainingsbedingungen hat, scheint sie zu beflügeln. SPORT1 zeigt die Entwicklung ihrer Laufzeiten im Verlauf der Jahre auf den verschiedenen Strecken © SPORT1-Montage: Getty Images
5.000 METER: 2016 bestreitet sie erstmals Rennen über diese Distanz und erreicht als Bestleistung eine Zeit von 15:16,98 Minuten, gelaufen am 25. August in Bergisch Gladbach. Ein knappes Jahr später steigert sie sich bereits um 25 Sekunden auf 14:51,38 Minuten, gelaufen am 19. Mai 2017 in Karlsruhe © Getty Images
2018 folgt eine Delle über die 5.000 Meter-Distanz, über die sie bei der EM in Berlin ihre Jahres-Bestzeit von 15:03,73 Minuten läuft. Nach einem beherzten Solo, bricht sie am Ende ein und wird Vierte. Am 3. August 2019 pulverisiert sie ihre eigene Bestleistung und stellt bei den Berlin Finals mit 14:26,76 Minuten einen deutschen Rekord auf - die 13. schnellste Zeit der Geschichte © Getty Images
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3.000 METER: Bereits 2013, im Alter von 16 Jahren, tritt sie bei einem großen Wettkampf über diese Distanz an und erreicht eine Zeit von 9:39,85 Minuten. Drei Jahre später läuft Klosterhalfen die drei Kilometer auf der Bahn bereits in 8:46,74 Minuten - eine Steigerung von 53 Sekunden, die in solch jungen Jahren aber nicht unüblich ist © Getty Images
2017 kann die Deutsche noch einmal eine Schippe drauflegen und läuft in 8:29,89 Minuten beim Meeting in Birmingham im August deutschen Rekord. 2019 verbessert sie ihre Bestmarke noch einmal um neun Sekunden auf 8:20,07 Minuten. Nur fünf Athletinnen waren in der Geschichte dieser Distanz jemals schneller © Getty Images
1.500 METER: Klosterhalfen setzt auch über die 1.500 Meter 2013 ihre erste Bestzeit im internationalen Vergleich mit 4:26,58 Minuten. Anschließend steigert sie sich Jahr für Jahr kontinuierlich um einige Sekunden, bis die Ausnahmeläuferin im Mai 2016 4:06,91 Minuten auf die Bahn setzt © Getty Images
Am 27. August 2017 erzielt sie mit 3:58,92 ihre immer noch gültige Bestzeit über diese Distanz. In der Historie der Distanz aber keine Spitzenzeit. Den deutschen Rekord (3:57,43 Minuten) verpasst sie um eineinhalb Sekunden. Diese Bestmarke dürfte bei ihrer derzeitigen Form demnächst fallen. In einem maßgeschneiderten Rennen mit der richtigen Tempomacherin dürfte eine Zeit von unter 3:55 Minuten keine Utopie sein © Getty Images
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800 METER: Mit gerade einmal 14 Jahren setzt Klosterhalfen 2011 mit 2:22,25 Minuten ihre erste Bestzeit über die kurze Mitteldistanz. Schon im Jahr darauf kann sie sie sich um neun Sekunden steigern, 2013 verbessert sich Klosterhalfen um weitere sechs Sekunden auf 2:07,52 Minuten © Getty Images
Nach weiteren kleineren Steigerungen kann sich die Deutsche 2016 noch einmal um fünf Sekunden im Vergleich zum Vorjahr auf 2:01,55 Minuten steigern. Ihre bisherige Karrierebestzeit stellt sie ein Jahr später auf. Mit 1:59,65 Minuten knackt Klosterhalfen im Juni 2017 die Zwei-Minuten-Schallmauer. In der Folge konzentriert sie sich auf die längeren Strecken, wo sie sich sich größere Chancen ausrechnet © Getty Images
MEILE (1609,344 Meter): Die Meile ist die einzige nicht-metrische Strecke in der Leichtathletik und gehört nicht zu den olympischen Distanzen. Dementsprechend selten ist die Meile im Programm von Meetings © Getty Images
Dennoch hat das Laufwunder des DLV auch auf dieser Distanz bereits Spuren hinterlassen. Neben dem deutschen Hallen-Rekord hält sie auch die deutsche Bestzeit im Freien © Getty Images
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Im August 2019 unterbietet sie mit 4:21,11 Minuten die seit 1985 gültige Bestzeit von Ulrike Bruns um 48 Hundertstelsekunden © Getty Images
Zeiten sind in der Leichtathletik jedoch vergänglich, im Kopf der Öffentlichkeit bleiben vor allem Medaillen bei Großereignissen. Auch in dieser Beziehung kann Klosterhalfen einiges vorweisen. Ihr bisher größter Erfolg: Bronze über 5.000 Meter bei der WM 2019 in Doha © Getty Images
Die nächste Chance auf eine Medaille hat Klosterhalfen bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio. In der japanischen Hauptstadt will im Medaillenkampf ein Wörtchen mitreden - egal über welche Distanz © Getty Images
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Und so wird sich in einigen Wochen nur ein dezimiertes DLV-Team nach Tokio aufmachen und um die Olympiamedaillen kämpfen. Dass ein Großteil der deutschen Athleten zu Hause Frust schiebt, hat sich der Verband offenbar selbst zuzuschreiben, weil gezielte Fragestellungen fehlen, wenn es sich bei den Verursachern vorrangig um Bundestrainer handelt.

Schäfer: "Ansonsten sollte es Pflichtfach für alle Trainer sein, sich selbst um eine angemessene Fortbildung zu bemühen."