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Flutlicht an! Porträt-Kolumne #16 Louis Loeser - Reportagen für Blinde

Fußball-Reportagen für Blinde

Louis Loeser reportiert Fußball für Blinde und Sehbehinderte

Louis Loeser reportiert Fußball für Blinde und Sehbehinderte © SPORT1-Grafik: Privat/SPORT1

Louis Loeser reportiert Fußball für Blinde und Sehbehinderte. In der Machart unterscheiden sich die Reportagen vom TV-Kommentar, verstecken müssen sie sich keineswegs.

Eigentlich hat Louis Loeser gerade das Abitur vor der Brust, als sein damaliger Deutsch- und Sportlehrer ihn und einen Mitschüler darauf anspricht, ob sich die beiden eine Tätigkeit als Fußballreporter für Blinde und Sehbehinderte vorstellen können.

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Ein Ehrenamt, dem der Pädagoge selbst beim Karlsruher SC nachgeht, wo ihn denn auch die Frage erreicht, ob er vielleicht Kolleg*innen für den Zweitligastandort Sandhausen empfehlen könne.

Feedback von blinden Fans ist enorm wichtig

Loeser und sein Kumpel begleiten den Lehrer zu einem Spiel und nach diesem Erlebnis sind beide Feuer und Flamme für die Aufgabe. Es dauert dann etwa ein Jahr, bis in Sandhausen alles organisiert ist und sie loslegen können.

"Wir hatten in Dag Heydecker einen großen Fürsprecher", erzählt Loeser von der Unterstützung des Mannes, der vom 1. FSV Mainz 05 zum SV Sandhausen kam und mittlerweile beim EC Bad Nauheim im Eishockey wirkt.

Nach einer Schulung und dem anschließenden Probelauf beim Public Viewing reportieren Loeser und sein Kollege das Testspiel gegen den VfB Stuttgart und bekommen im Anschluss auch Feedback von blinden Fans. "Der Austausch war enorm wichtig", erzählt er.

Schließlich ist die Herangehensweise bei einer Blindenreportage völlig anders als die kommentierende Begleitung eines Spiels für Fans ohne Seheinschränkungen. "Man muss den Ball ganz genau verorten", erklärt Loeser. Die Stimme führt da entlang, wo bei Sehenden der Blick hingeht.

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"Die Spielernamen waren eine besondere Herausforderung"

Auch das Tempo spielt eine Rolle: "Man muss sich schon dem Spieltempo anpassen" - nicht etwa im Versuch, alles nachzuerzählen, in öden Spielphasen atemlos über den Platz hecheln.

Um den Ball in der Reportage so nahe wie möglich zu begleiten, teilt Loeser sich das Feld in mehrere Abschnitte ein. Außerdem lernt er die Namen der Sandhäuser Profis, denn als Fan ist er selbst bei der TSG Hoffenheim zuhause, hatte also bis zum Beginn seines Ehrenamtes mit dem SVS oder der Zweiten Liga keine regelmäßigen Berührungspunkte.

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Gleich im ersten Einsatz waren die Spielernamen eine besondere Herausforderung, erinnert er sich lachend, denn im Testspiel wurde in der Halbzeit einmal komplett durchgetauscht.

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Ein Anliegen hat der heute 21-Jähre von Anfang an, nämlich die Reportagen auch übers Web zugänglich zu machen. "Das war unser Traum." Unter anderem, weil viele Menschen von dem Angebot gar nichts wissen und er sich so eine größere Verbreitung erhofft, die das Spiel für noch mehr Menschen zugänglich macht.

Blinde Fans können viel aus den Reportagen herauslesen

Was diesen Wunsch angeht, spielte ihm und seinem Team die Pandemie in die Karten: Seit gut einem Jahr wird die Reportage im Web gesendet. Ein Angebot, das nicht alle Erst- und Zweitligisten ihren Fans mit Sehbehinderung machen.

Nach Gesprächen mit blinden Fans, die ihren Dienst nutzen, ist Loeser regelmäßig fasziniert davon, wie viel diese aus den Reportagen herauslesen können. Das gilt auch für die Qualität der Spieler: Wer fast nicht auftaucht in den Worten des Reporters, hatte vermutlich keinen besonders auffälligen Tag.

Zudem kennt der Student viele Fans, die das Angebot auch als Sehende gerne nutzen, weil sie so mehr vom Spiel verstehen als beim bloßen Zuschauen.