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Olympia in München: Der vergessene Eklat um Vince Matthews, Wayne Collett

Der vergessene Eklat von München

Vince Matthews provozierte bei Olympia 1972 in München einen Eklat

Vince Matthews provozierte bei Olympia 1972 in München einen Eklat © Imago

Die US-Läufer Vince Matthews und Wayne Collett setzten bei Olympia 1972 ein desillusioniertes Zeichen gegen die US-Hymne. Der Gegenschlag war heftig.

So gut wieder jeder kennt Tommie Smith und John Carlos.

Wenn nicht beim Namen, dann zumindest das unvergessliche Bild ihrer erhobenen Fäuste bei Olympia 1968 in Mexiko, das sie zu Symbolfiguren für den bis heute andauernden Kampf gegen Rassismus und für gesellschaftliche Gerechtigkeit machte.

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Vince Matthews und Wayne Collett sind weit weniger in Erinnerung. Obwohl sie vier Jahre später, am 7. September 1972, unter ganz ähnlichen Umständen ihren sportlichen Erfolg bei den Olympischen Spielen für ein Zeichen des Protests nutzten - und ähnlich einschneidende Folgen auf sich nahmen (So teuer bezahlten Tommie Smith und John Carlos ihren Olympia-Protest).

Die beiden Afroamerikaner, Sieger und Zweitplatzierter über 400 Meter, handelten sich eine lebenslange Olympia-Sperre durch den IOC ein, weil sie sich den üblichen Normen der Siegerehrung verweigerten.

Und obwohl der Vorfall vor den Augen eines irritierten deutschen Publikums in München damals riesige Wellen schlug, ist er heute eher vergessen.

Warum eigentlich?

Matthews und Collett: Zwischen Smith & Carlos und Kaepernick

Ein fulminanter Bericht des US-Olympiamedienpartners NBC hat im Februar ein neues Licht geworfen auf einen Protestakt, „der zur damaligen Zeit missverstanden und geschmäht wurde und seitdem größtenteils vergessen oder ignoriert wurde - obwohl er von Tag zu Tag historisch relevanter wird“.

Woran das liegt? In hohem Maße wohl daran, dass der Protest von Matthews und Collett nicht so bildstark war, nicht die symbolische Kraft der Black-Power-Faust hatte (oder der von NFL-Rebell Colin Kaepernick geprägten Take-a-Knee-Geste).

Matthews und Collett provozierten den Eklat stattdessen dadurch, dass sie die Ehrung betont unwillig über sich ergehen ließen, wie eine alltägliche Pflicht, die ihnen nichts bedeutete: Der barfüßige Collett stieg zu Matthews auf die oberste Stufe des Siegertreppchens, die beiden ignorierten unter Pfiffen und Buhrufen die eingespielte US-Nationalhymne, standen nur da, unterhielten sich, drehten an ihren Medaillen herum, Matthews kratzte sich am Kinn.

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Es war keine kraftvolle Auflehnung wie die von Smith und Carlos, Matthews und Collett wirkten schlicht desillusioniert. Und worüber, war nicht gleich so klar und leicht zu erfassen wie bei den beiden berühmten Vorgängern.

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Protest bei der Siegerehrung in München 1972

Collett und speziell Matthews trugen dazu bei, indem sie sich zunächst nicht beziehungsweise auf widersprüchliche Weise über ihre Aktion äußerten.

"Die Leute versuchen etwas daraus zu machen, obwohl es nichts ist", hatte Matthews kurz nach der Zeremonie den Reportern gesagt, während Collett schwieg. Erst im Nachhinein, in der vertrauensvolleren Atmosphäre eines Einzelinterviews mit dem afroamerikanischen Radiojournalisten Sam Skinner, legten die beiden ihre Motivation klar offen.

Der US-Nationalhymne respektvoll begegnen? "Das kann ich nicht mehr guten Gewissens, so wie die Dinge in unserem Land laufen", sagte Collett: "Es läuft vieles falsch und ich glaube, das weiße Establishment hat einfach eine zu sorglose Einstellung gegenüber Amerikas Schwarzen. Es interessiert sich nicht für uns - außer, wenn wir sie ein wenig blamieren."

Matthews ergänzte: "Es wäre geheuchelt von mir, aufrecht zu stehen und mir so etwas wie die US-Nationalhymne anzuhören, wenn ich daran denke, was mein Vater in Amerika durchmachen musste."

Matthews war in New York als Sohn eines aus dem Karibikstaat St. Kitts and Nevis eingewanderten Schneiders in Armut aufgewachsen. Auf dem College erlebte er in North Carolina die dort damals noch geltende Rassentrennung am eigenen Leib - etwa als ihm und seinen Teamkollegen verboten wurde, in einem für Weiße reservierten Burger-Lokal zu essen.

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Als er sich dann weigerte, den Burger zu zahlen, den er nur draußen hätte essen dürfen (und das nicht mehr wollte), verhaftete ihn die Polizei.

"Land of the free"? Für Vince Matthews und Wayne Collett ein Hohn

Letztlich war die Botschaft hinter dem Hymnen-Protest von Matthews und Collett doch ganz einfach - und sie ähnelt auf beklemmende Weise der hinter der von Kaepernick ausgelösten Bewegung fast 50 Jahre danach.

Die NFL liegt im Clinch mit US-Präsident Donald Trump. Nach dessen beleidigenden Äußerungen setzen die Jacksonville Jaguars beim Gastspiel in London als erstes ein Zeichen und gehen bei der Nationalhymne geschlossen auf die Knie. Team-Besitzer Shad Khan stellt sich demonstrativ in eine Reihe mit seinen Spielern. Damit löst die Mannschaft eine Welle des Protests aus. SPORT1 zeigt Reaktionen aus der Sportwelt © Getty Images
Im Vorfeld der neuen NBA-Saison hatten die Verantwortlichen jeglichen Hymnenprotest verboten. Den Spielern wurden in diesem Zuge sogar Strafen angedroht. Sängerin Justine Skye sind mögliche Konsequenzen egal - sie geht während der Hymne auf die Knie © instagram.com/justineskye
"Wahrscheinlich werde ich nie wieder dazu eingeladen, aber beim ersten Heimspiel in meiner Stadt musste ich die Chance ergreifen und meine Stimme erheben", schreibt Skye, die sich vor der Partie zwischen Brooklyn und Orlando hinkniete, bei Instagram © Getty Images
Die Los Angeles Lakers finden beim Auftakt gegen die Los Angeles Clippers derweil eine Lösung. Während der Hymne steht jeder Spieler für sich © Getty Images
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Doch nach der US-Hymne haken sich die Spieler bei ihrem Nebenmann ein und bringen so ihren Protest für Respekt und gegen Rassismus zum Ausdruck. Auch NBA-Rookie Lonzo Ball (M.) unterstützt die Bewegung © Getty Images
Auch im Spiel zwischen den Minnesota Timberwolves (Bild) und den San Antonio Spurs finden die Teams trotzdem einen Ausweg © Getty Images
Während der Hymne stehen beide Mannschaften wie gewohnt. Anschließend verschränken Spieler beider Teams die Arme ihrer Kollegen. Auf der Leinwand wird währenddessen ein Spot zum Thema Gleichheit abgespielt © Getty Images
Auch die frühere Spurs-Legende Tim Duncan (r.) ist in der Halle. Der 41-Jährige kommt laut Trainer Gregg Popovich ausschließlich, um beim Protest mitzumachen. Gemeinsam mit dem verletzten Tony Parker (l.) und Manu Ginobili steht er Arm in Arm © Getty Images
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Auch der frühere Spurs-Star David Robinson (l.) reist extra für die Proteste an. Gemeinsam mit dem verletzten Kawhi Leonard steht auch er Arm in Arm © Getty Images
Spurs-Coach Gregg Popovich hatte in den letzten Wochen scharf gegen Donald Trump geschossen und ihn unter anderem als "seelenlosen Feigling" bezeichnet. Popovich bedankt sich nach dem Protest bei den Fans - diese hatten mit tosendem Applaus auf den Spot reagiert © Getty Images
In der Bundesliga wird die US-Hymne zwar nicht gespielt, trotzdem setzt auch Hertha BSC vor dem Spiel gegen Schalke 04 ein Zeichen im Stil der NFL-Teams, kniet vor Anpfiff demonstrativ - als allgemeiner Protest gegen Rassismus und Diskriminierung © imago
"Hertha BSC steht für Vielfalt, Toleranz und Verantwortung! Für ein Berlin, das auch in Zukunft weltoffen ist", schreibt die Hertha zu der Geste. Der Name Trump fällt nicht, Herthas Geste lässt sich so auch als Kommentar zur politischen Lage in Deutschland lesen © dpa Picture Alliance
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"Wir leben in Zeiten, in denen sich auch Fußballvereine positionieren müssen. Hertha ist seit jeher gegen Diskriminierung", sagt Herthas Manager Michael Preetz © Getty Images
Am 5. Spieltag der NFL-Saison kommt es zu einem Eklat. Während diverse Spieler der San Francisco 49ers während der Nationalhymne knien, um gegen Rassismus und Polizeibrutalität zu protestieren, passt US-Vizepräsident Mike Pence diese freie Meinungsäußerung offenbar nicht in den Kram © DPA picture alliance
Der ehemalige Gouverneur von Indiana ist beim Spiel der Colts gegen die 49ers vor Ort, um der Ehrung der Colts-Legende Peyton Manning beizuwohnen. Während des Protests verlässt er jedoch das Stadion und wettert danach via Twitter gegen die angeblich unpatriotischen NFL-Spieler © DPA picture alliance
Einige Spieler der Cleveland Browns hielten am Sonntag vor dem Spiel gegen die Cincinnati Bengals ihre Fäuste während der Nationalhymne nach oben. Dieselbe Geste wurde schon bei den Olympischen Spielen 1968 benutzt, um gegen die Benachteiligung von Afroamerikanern in den USA zu protestieren © Getty Images
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Ein beeindruckendes Bild geben die San Francisco 49ers ab. Vor der Partie gegen die Arizona Cardinals am vierten Spieltag knien sie bei der Nationalhymne geschlossen nieder © Getty Images
NFL-Rückkehrer Marshawn Lynch kommt mit einem extra angefertigten T-Shirt am Stadion an. Auf dem Oberteil des Raiders-Stars prangt der Schriftzug "Everybody vs. Trump" - "Alle gegen Trump" © twitter.com/@AdamSchefter
Im Monday Night Game des 3. NFL-Spieltags hatten die Proteste eine ganz neue Dimension erreicht. Die Dallas Cowboys - das beliebteste und wertvollste Sportteam des Landes - schlossen sich geschlossen der Front gegen den US-Präsidenten an. Kein anderes Team steht so für ur-amerikanische Werte © Getty Images
Damit setzte "America's Team" ein ganz klares Zeichen. Mittendrin auch der Team-Eigentümer und frischgebackene Hall-of-Famer Jerry Jones. Gerade die Bedeutung des "Boss Man" im US-Sport ist extrem groß © Imago
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Umso eindringlicher, dass er als erster Besitzer auch demonstrativ bei der Nationalhymne mit seinen Spielern zusammen kniet. Diese Geste dürfte vielen Trump-Verteidigern den Wind aus den Segeln nehmen, denn Jones kann nicht als weltfremder und unpatriotischer Liberaler abgetan werden. Jones' Aktion kommt einer Demütigung für Trump gleich © dpa Picture Alliance
Denn der US-Präsident legte nach den vielen Protesten am Sonntag noch einmal auf Twitter nach, umso wichtiger die eindringliche Verweigerung der Cowboys. Die Cardinals um Coach Bruce Arians (M.) schließen sich am Montag der Bewegung ebenfalls an © Getty Images
Sogar Tennisprofi Nick Kyrgios schließt sich den Protesten im US-Sport an - und geht vor seinem Match beim Laver Cup gegen Roger Federer auf die Knie © Twitter/Tumaini Carayol
Vikings-Fans fordern vor dem Heimspiel gegen Tampa Bay: "Take the knee!" © Getty Images
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Und die NFL-Akteure in den Stadien folgen: Justin Houston von den Kansas City Chiefs dreht dem Spielfeld bei seinem Protest sogar den Rücken zu © Getty Images
Auch bei NFL-Champion New England Patriots knien einige Team-Mitglieder während der Hymne - unter Buhrufen einiger Zuschauer © Getty Images
Bei Gegner Houston haken sich die Spieler ein, um Einigkeit und Verbundenheit zu demonstrieren © Getty Images
Die Pittsburgh Steelers gehen sogar noch einen Schritt weiter und erscheinen während der Hymne gar nicht im Stadion, sondern bleiben in der Kabine, um sich "aus dieser Situation zu entfernen", wie Steelers-Coach Mike Tomlin bei "CBS" erklärt © Twitter/StaceyDales
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Die Gästebank in Chicago bleibt leer. Später tun es ihnen die Seattle Seahawks und die Tennessee Titans gleich © Getty Images
Alle Steelers bleiben in der Kabine - außer Army-Veteran Alejandro Villanueva, der sich die Hymne nicht entgehen lassen will, und zumindest am Ende des Spielertunnels erscheint © Getty Images
In allen NFL-Stadien am Sonntag das gleiche Bild: Die Spieler knien bei der Nationalhymne. Seien es Akteure der Indianapolis Colts... © Getty Images
Detroit Lions... © Getty Images
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Buffalo Bills... © Getty Images
Miami Dolphins... © Getty Images
Tampa Bay Buccaneers... © Getty Images
oder der Cleveland Browns © Getty Images
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Keenan Robinson (l.) und Brandon Marshall von den New York Giants stehen vor der Partie gegen die Philadelphia Eagles Arm in Arm... © Getty Images
genauso wie die Spieler der Chicago Bears... © Getty Images
Cincinnati Bengals... © Getty Images
und der Green Bay Packers © Getty Images
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Bei den New York Jets reiht sich Eigentümer Christopher Johnson (2.v.r.) wie Jaguars-Besitzer Shad Khan in die Protest-Reihe ein © Getty Images
Auch Falcons-Boss Arthur Blank (3.v.l.) stellt sich neben seine Spieler © Getty Images

Vor dem Hintergrund der alltäglichen Rassismus-Erfahrungen, die schwarze Menschen in Amerika machen, im Lichte der Geschichte von Sklaverei, Rassentrennung und systemischer politischer Benachteiligung kann man es schlicht als Hohn empfinden, sich anhören zu müssen, im "land of the free" und "home of the brave" zu leben.

"Ich konnte da nicht stehen und diese Worte singen, denn ich glaube einfach nicht, dass sie wahr sind", sagte Collett: "Ich wünschte, sie wären es, ich glaube, wir haben das Potenzial, ein wundervolles Land zu sein, aber ich denke nicht, dass wir es sind."

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Später erklärte Collett, dass er die Vergleiche mit Smith und Carlos und "diesen ganzen großen Sturm" so nicht gewollt hätte. Er sei schlicht seinen Gefühlen gefolgt.

IOC-Chef Avery Brundage erneut mit trüber Rolle

Was auch nicht zu vergessen ist: Die vermeintlich heile Olympia-Welt, die Matthews und Collett mit ihrem Protest störten, trafen diese negativen Gefühle auch nicht zufällig.

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Das IOC wurde damals regiert vom berüchtigten Avery Brundage (von Kritikern gern "Slavery Brundage" genannt), der schon für Smith und Carlos eine Reizfigur war - und durch die repressiv-ignorante Reaktion auf seine Landsleute eine noch größere wurde.

Brundage, auf dessen Druck hin Smith und Carlos aus dem US-Team geworfen wurden, schmähte die beiden als "gescheiterte Charaktere" mit "verzerrten Geisteshaltungen" und sprach von einer "üblen Demonstration gegen die amerikanische Flagge durch Negros".

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Bei den Spielen in München vergrößerte Brundage den Zorn speziell auch der afroamerikanischen Community durch eine weitere Bösartigkeit unter besonders dunklen Umständen: In seiner berühmten "The-Games-must-go-on"-Ansprache nach dem Terror-Anschlag auf das israelische Team setzte er das tödliche Attentat mit den Protesten gegen die Olympia-Teilnahme des rassistischen Apartheids-Staats Rhodesien gleich.

Brundage sprach wenige Tage vor dem Lauf von Matthews und Cole in infamer Weise von "zwei grausamen Angriffen" auf die Spiele - setzte die politische Boykott-Bewegung gegen das heutige Simbabwe also mit dem Mord an elf Menschen gleich.

Logischerweise empfand Brundage da auch Matthews und Collett schlicht als bestrafenswerte Störenfriede. Nachdem die beiden sich einer Entschuldigung verweigerten - trotz Vermittlungsversuchen von Nationalheld Jesse Owens - wurden sie vom IOC für alle weiteren Olympischen Spiele gesperrt.

"Nichts davon war bedrohlich, aber Amerika hat sich bedroht gefühlt"

Collett starb 2010 im Alter von 60 Jahren an Nasenrachenkrebs, der heute 73 Jahre alte Matthews möchte nicht mehr über das Thema sprechen.

„An diesem Punkt meines Lebens halte ich es für richtig, nach vorn und nicht zurück zu blicken“, zitierte ihn die NBC.

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Collett und Matthews sind keine Ikonen geworden wie Smith und Carlos, ihre zwiespältige Olympia-Geschichte ist in der Erinnerung überlagert vom Attentat und Heldenstorys wie denen von Rekordschwimmer Mark Spitz. Sie haben nie das Gehör gefunden, das heute zum Beispiel auch LeBron James und seine NBA-Kollegen mit ihrer Unterstützung für die Black-Lives-Matter-Bewegung erreicht haben.

Dabei erzählt die Geschichte der beiden noch immer viel über Wunsch und Wirklichkeit beim Thema Rassismus - und über das Unverständnis und die Widerstände, auf die diejenigen stoßen, die den Finger in die Wunde legen.

„Mr. Kaepernick hat sich hingekniet. Mr. Smith und John Carlos haben unsere Hände in die Luft gehoben. Wayne und Vinny haben an ihren Medaillen gedreht und sich unterhalten“, sagte John Carlos in dem NBC-Bericht: „Nichts davon war bedrohlich, aber Amerika hat sich bedroht gefühlt. Und für alle war das Ergebnis dasselbe.“