Anzeige

Australian Open: Daniil Medvedev - vom Bad Boy zum Titel-Anwärter

Die Verwandlung eines Tennis-Rüpels

Lockdown-Ende: Melbourne erlaubt wieder Fans

Daniil Medvedev avanciert auch dank seines Image-Wandels bei den Australian Open immer mehr zum Titel-Anwärter. Doch den Russen zeichnet noch viel mehr aus.

Dass 2021 mehr denn je mit ihm zu rechnen ist, hatte sich ja bereits bei den ATP-Finals Ende des vergangenen Jahres in London angedeutet.

Da hatte Daniil Medvedev seinen Endspiel-Kontrahentren Dominik Thiem aus Österreich, immerhin noch Nummer 3 der Tennis-Welt, nicht nur dank seiner spielerischen Klasse besiegt, sondern auch mit einem Matchplan ausgehebelt, der für den Russen vor einiger Zeit noch undenkbar gewesen wäre. (SERVICE: Alles zum Tennis)

Anzeige

Der neue Tennis-Podcast "Cross Court" ist ab sofort auf podcast.sport1.de, in der SPORT1 App sowie auf den gängigen Streaming-Plattformen SpotifyApple PodcastsGoogle PodcastAmazon MusicDeezer und Podigee abrufbar

Ruhig, fast schon unterkühlt, war Medvedev aufgetreten, für manchen Kritiker schon am Rande der Arroganz gewandelt. Auch in kritischen Spielsituationen ging das Temperament nicht mit ihm durch - ganz anders, als es sein früheres Rüpel-Image vermuten ließ.

"Der Sieg hier wird mich reifer machen. Ich habe jetzt das Selbstvertrauen für die kommenden Grand Slams", hatte der Russe unmittelbar danach erklärt - und sollte Recht behalten.

Medvedev: Über das Rüpel-Image zum Erfolg

19 Siege in Serie später, elfmal dabei gegen einen Top-10-Spieler, steht Medvedev nun im Halbfinale der Australian Open.

Nach einer Glanzleistung auch im Duell mit Landsmann Andrej Rublev geht es nun gegen den Griechen Stefanos Tsitsipas, der überraschend Grand-Slam-Rekordsieger Rafael Nadal ausgeschaltet hatte. (Australian Open: Halbfinale Daniil Medvedev - Stefanos Tsitsipas Fr. ab 9.30 Uhr im LIVETICKER)

Es stellt sich die Frage, ob Medvedev auch gegen Tsitsipas die Coolness behält, die ihn seit einiger Zeit auszeichnet.

"Ich feiere meine Siege einfach nicht mehr, das habe ich nach den US Open 2019 so für mich entschieden, als ich Probleme mit den Fans hatte", hatte Russlands bester Tennisspieler unlängst auf eine Reporterfrage entgegnet, warum er denn nicht wenigstens ein paar Emotionen zeige: "Und es geht mir gut damit."

Medvedev, geläutert durch den Erfolg - beziehungsweise: erfolgreich dank einer Läuterung, die ihm nicht jeder zugetraut hätte. (Die ATP-Weltrangliste)

Anzeige

Nach Fast-Sensation: Diese Beauty tröstet jetzt den Djokovic-Gegner

Stinkefinger-Geste und Münzwurf-Eklat

Rückblende: Bei den US Open 2019 hatte der 25-Jährige die Zuschauer im Match gegen den Spanier Feliciano Lopez noch mit einer Stinkefinger-Geste gegen sich aufgebracht - ein provozierendes Interview danach machte es noch schlimmer.

Zwei Jahre zuvor warf Medvedev nach seinem Zweitunden-Aus in Wimbledon Münzen vor den Stuhl der Hauptschiedsrichterin, unterstellte ihr damit indirekt Bestechlichkeit. 2016 wiederum wurde der damals 20-Jährige in der Partie gegen Donald Young wegen unsportlichen wie rassistischen Verhaltens gegenüber Schiedsrichterin Sandy French sogar disqualifiziert.

In der Rolle des Bösewichts gefiel sich Medvedev durchaus: Mal riss er einem Ballkind das Handtuch aggressiv aus den Händen und schleuderte es zu Boden, ein anderes Mal bedankte er sich bei den Fans als deren Hassobjekt Nummer eins auch noch für die feindselige Stimmung.

Medvedev genoss das Pfeifkonzert, stachelte das Publikum mit ausgebreiteten Armen und frechem Grinsen oftmals noch zusätzlich an - um sich hinterher mehr als einmal reuig zu zeigen. Sogar Nick Kyrgios, selbst als Bad Boy verschrien, beschrieb den Russen einmal mit den Worten: "Medvedev. Der Junge ist verrückt."

Daniil Medvedev warf in Wimbledon 2017 Geldmünzen vor die Füße des Schiedsrichters

Daniil Medvedev warf in Wimbledon 2017 Geldmünzen vor die Füße des Schiedsrichters

Australian Open: Tsitspias weiß, was ihn erwartet

Dabei ist Medvedev, dessen bisher größter Erfolg auf Major-Ebene der Finaleinzug bei den US Open 2019 war, viel mehr als das. Und irgendwie auch wieder nicht.

Der 1,98 Meter große Rechtshänder pflegt einen unorthodoxen und unberechenbaren Spielstil - und immer wieder eine Taktik, die seine Konkurrenten irre macht.

Anzeige

DAZN gratis testen und Tennis-Highlights live & auf Abruf erleben | ANZEIGE

"Ich habe keinen unglaublichen Schlag. Ich serviere nicht schlecht, aber auch nicht mit mehr als 210 km/h. Es ist einfach die Konstanz von allem. Meine Taktik ist, den Gegner leiden zu lassen", sagte Medvedev einst.

Zu spüren bekommen soll das nun erneut auch Tsitspias. Der Grieche, der von den sechs direkten Duelle gerade mal eines gewann, beschrieb Medvedev einmal so: "Er hat ein sehr seltsames Spiel. Es ist ziemlich schlampig, aber auf eine gute Art und Weise. Sein Spielstil ist komplett anders. Er spielt so flach und tief, gibt dir kaum Winkel."

Der gebürtige Moskauer erklärt sein Erfolgsrezept so: "Ich versuche, die Kontrahenten zu Schlägen zu zwingen, die sie sonst nie machen." (SERVICE: Der Turnierkalender im Tennis)

Ikemefuna Enemkpali, ein Berg von einem Mann. Das bekommt auch sein Mitspieler der New York Jets, Geno Smith, zu spüren. Weil der ihm 600 Dollar schuldet, schlägt Enemkpali zu und Smith fällt den Jets zum NFL-Saisonstart mit gebrochenem Kiefer aus. Kein Einzelfall. SPORT1 zeigt die größten Rowdys der Sportwelt © dpa Picture-Alliance
Einen üblen verbalen Ausraster leistete sich Nick Kyrgios beim Rogers Cup in Montreal. Gut hörbar aufgefangen vom Platzmikrofon verkündet Kygrios, dass sich sein Aussie-Kollege Thanasi Kokkinakis und Stan Wawrinkas Flamme Donna Vekic menschlich wie körperlich sehr nahe gekommen seien. Wortwörtlich sagte Kyrgios im zweiten Satz: "Kokkinakis banged your girlfriend, sorry to tell you that, mate" ("Kokkinakis hat deine Freundin gebumst, sorry, dir das sagen zu müssen, Kumpel.") © Getty Images
Aber auch beim Frauentennis gibt es verbale Entgleisungen. Serena Williams kann sich im Finale der US Open im Jahr 2011 gegen die Australierin Samantha Stosur nach einer Schiedsrichterentscheidung gegen sie nicht mehr beruhigen. "Schauen Sie mich ja nicht an, ich mache keinen Spaß. Sie haben völlig die Kontrolle verloren. Sie sind eine Hasserin", schleudert Williams der grieschichen Unparteiischen Eva Asderaki entgegen. Williams findet danach nicht mehr ins Spiel zurück und verliert das Finale in zwei Sätzen © Getty Images
Ein Kopfstoß gegen einen Stadionordner verdankt Emir Spahić seinen Rauswurf bei Bayer Leverkusen. Nach Ende der Partie will Spahic mit Freunden in den Kabinentrakt des Leverkusener Stadions. Ordner verwehrten ihnen den Zutritt. Es kommt zu einem Handgemenge und dem Zwischenfall. Inzwischen ist Spahic beim HSV untergekommen © Getty Images
Anzeige
Sehr teuer wird für den ehemaligen HSV-Stürmer Paolo Guerrero der Flaschenwurf gegen einen Hamburger Fan. Unglaubliche 100.000 Euro Strafe muss Guerro zahlen. Vom DFB gibt es eine Sperre von fünf Spielen sowie eine zusätzliche Geldbuße von 20.000 Euro © dpa Picture-Alliance
Pause überzogen, vom Schiedsrichter disqualifiziert, Bronzemedaille im Taekwondo bei den Olympischen Spielen verloren. Da gibt es für Angel Valodia Matos kein Halten mehr. Er kickt den Schiedsrichter auf die Matte. Logische Konsequenz für seine Aktion - Sperre auf Lebenszeit © Getty Images
Der Becherwurf eines Zuschauers bringt Ron Artest, der damals für die Indiana Pacers spielt, in Detroit zum Ausrasten. Er schnappt sich den Mann und eine wilde Prügelei beginnt. Am Ende sind mehrere Spieler und Zuschauer in die Schlägerei verwickelt. Artest, heute Metta World Peace, wird für die restliche Saison gesperrt. Das Spiel geht als "Malice at the Palace" in die NBA-Geschichte ein ©
Effenberg und der Stinkefinger. Dazu muss man nicht mehr viel sagen. Diese Aktion kostet "Den Tiger" 1994 während der Weltmeisterschaft in den USA seinen Platz in der Nationalmannschaft © Imago
Anzeige
"Long John" so wie man ihn kennt. Seine Zigarette auf dem Golfplatz gehört zu ihm wie seine legendären langen Abschläge. John Daly gewinnt 1991 und 1995 je ein Major, aber seine unangepasste und teils unbeherrschte Art sind vielen Golf-Puristen ein Dorn im Auge. Auf dem Platz raucht er, flucht und lässt auch hin und schmeißt auch hin und wieder seine Schläger weg. Immer wieder hat Daly auch Glücksspiel- Alkoholprobleme © Getty Images
Und wieder wird ein Zuschauer zur Zielscheibe. Mit einem Kung-Fu-Tritt geht ManUnited-Legende Eric Cantona auf einen Fan der gegnerischen Mannschaft los. Auch wenn der ihn übel beleidigt, können Stollen schon ganz schön weh tun. Cantona wird daraufhin von der Fifa für sechs Monate gesperrt © Imago
Um die US-Meisterschaften im Eiskunstlauf zu gewinnen ist Tonya Harding (l.) zu allem bereit. Daraufhin engagiert sie einen Mann, der ihre ärgste Konkurrentin, Nancy Kerrigan, mit einer Eisenstange am Knie verletzen sollte. Richtig aufgeklärt wird die Geschichte nie, "Eishexe" Harding wird von einem Gericht zu 500 Stunden gemeinnütziger Arbeit und einer Geldstrafe von 160.000 Dollar verurteilt © Getty Images
Das Publikum liebt John McEnroe für seine Ausraster auf dem Platz. Endlich wird der "Weiße Sport" lebendiger. Den Verantwortlichen ist der "Tennisrüpel" aber lange Zeit ein Dorn im Auge. Vor allem auf die Schiedsrichter hat es "Big Mac" oftmals abgesehen © Imago

Eklat um Trainer-Rauswurf

Seine letzte Niederlage musste Medvedev Ende Oktober einstecken, beim Turnier in Wien gegen den Südafrikaner Kevin Anderson - danach folgten die Titel beim Masters in Paris, bei den ATP Finals und mit der russischen Mannschaft beim ATP-Cup in Melbourne.

Spricht also auch beim abermaligen Vergleich mit Tsitspias nun alles für Medvedev? Nicht ganz.

Denn dass der Russe trotz seiner Wandlung vom Bösewicht zum inzwischen sogar heimlichen Fan-Liebling für einen Rückfall in alte Muster gut ist, musste kürzlich erst Gilles Cervara erfahren, der eigene Trainer.

Anzeige

Gegen Filip Krajinovic hatte Medvedev seinen Coach wiederholt angeblafft, bis dieser schließlich wortlos die Rod Laver Arena verließ.

"Manchmal bin ich eben ziemlich temperamentvoll auf dem Platz", erklärte Medvedev hinterher: "Ich finde aber, ich habe bei der Arbeit für meine mentale Stärke große Fortschritte gemacht."