Anzeige

Podcast-Kolumne Wortpiratin: Flutlicht an! Nina Reip spricht über ihre Arbeit bei der Deutschen Sportjugend

Fußball & Politik: Frage von Werten

Nina Reip wünscht sich "den Erinnerungstag im deutschen Sport" © SPORT1 Grafik/Torsten Giesen

Die sportbegeisterte Nina Reip entdeckt durch Zufall die Politik für sich. Heute agiert sie als Bindeglied zwischen den beiden Bereichen.

"Mein Leben ist gar nicht so straight."

Nina Reip sagt das mit einem Lachen. Manchmal ergibt sich ein Schritt eben aus Zufall – und mehrere dieser zufälligen Schritte führen an genau den richtigen Ort.

Anzeige

Reip, geboren in Frechen bei Köln, kann viel von solchen Zufällen erzählen. Sie ist 13, als ihre Familie zurückzieht ins Gebiet der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens.

Die spezielle Geschichte der Gegend prägt sie, ebenso die Tatsache, dass Politik durchaus regelmäßig Thema am Mittagstisch ist.

Dann ist da noch ihre Oma, mit der sie politisch zwar selten einig wird, die aber als Frau mit politischer Überzeugung ein Vorbild für das damals junge Mädchen ist.

Reip entdeckt Politik für sich

Später möchte Reip eigentlich "Transportation Design" studieren, doch ihr fehlt eine Mappe für die Bewerbung. Weil sie ihre Zeit gut nutzen will, beginnt sie neben der Arbeit daran ein Studium im Bereich Politik und Geschichte – und ist schnell so begeistert, dass sie dabeibleibt.

Um nebenher Geld zu verdienen, und weil sie sich zu jener Zeit vorstellen kann, später im politischen Brüssel zu arbeiten, übernimmt sie in Ostbelgien einen Job als Fraktionssekretärin, vergleichbar mit einer Referentin. Später wird sie Kabinettschefin bei zwei Bildungsministern.

"Es klingt in deutschen Ohren, glaub' ich, immer abstrus." Wieder lacht Reip und sagt, übersetzt in die deutsche Politik sei das eine Mischung aus Büroleitung und Staatssekretärin gewesen.

Reip vereint Interessen Sport und Politik

Politik ist also immer da und auch ein grundsätzliches Interesse an allem, was mit Sport zu tun hat. Noch aber sind beide Themen in ihrem Leben nicht verbunden.

Als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Gedenkstätte Mittelbau-Dora, die zur Stiftung Buchenwald gehört, bewegt Reip das Zusammentreffen mit Überlebenden des Holocaust intensiv. "Das hat mich politisch sehr, sehr geprägt und meinen Blick auf die Gesellschaft und auf Verantwortung geschärft."

Anzeige

"Flutlicht an. Im Gespräch mit der Wortpiratin", der neue Podcast von Autorin Mara Pfeiffer auf SPORT1

Nach einem befristeten Job an der Autonomen Hochschule Ostbelgiens, wo Reip Konzepte für politische Bildung entwickelt, macht ein Bekannter sie auf eine Ausschreibung aufmerksam: Das Netzwerk "Sport & Politik", angesiedelt bei der Deutschen Sportjugend (dsj), sucht eine Leitung der Geschäftsstelle.

Reip: Dann hat Politik was im Sport verloren 

Heute arbeitet Reip hier schon seit drei Jahren und sagt überglücklich: "It’s a match."

In ihrem Job kommen viele Themen zusammen, die sie immer bewegt und interessiert haben – und ihr Talent als Vernetzungsspezialistin passt perfekt zu den Aufgaben an der Schnittstelle. "Man hat sowohl Sportorganisationen wie auch Organisationen aus der Politik, und die treffen dort regelmäßig zusammen, um über die gesellschaftspolitischen Herausforderungen in Sport und Gesellschaft zu sprechen. Das ist einzigartig."

Den Willen zum Austausch und die Bereitschaft, voneinander zu lernen, beschreibt Nina Reip als Grundlage dieser Arbeit. In der begegnet ihr natürlich auch immer wieder die These, Sport und Politik sollten nicht verknüpft werden. Sie hat dazu eine entscheidende Differenzierung parat: Politik schon, Parteipolitik nicht.

Fußball und Politik sind strikt zu trennen, sagen UEFA und FIFA ausdrücklich. Nach dem militärischen Gruß türkischer Spieler in der EM-Qualifikation hat der europäische Fußball-Verband ein Verfahren eingeleitet. Es ist nicht das erste Mal, dass politische Botschaften aus dem Stadion gesendet werden © Credit: SPORT1-Montage/Getty Images/Imago
Die türkische Auswahl hat beim EM-Qualifikationsspiel in Frankreich mit dem erneuten Militärgruß für Aufsehen gesorgt. Nach dem Kopfballtreffer von Düsseldorfs Kaan Ayhan zum 1:1-Endstand in der 82. Minute stellten sich wie schon beim 1:0 gegen Albanien am vergangenen Freitag mehrere Spieler am Spielfeldrand auf und salutierten in Richtung Tribüne © Getty Images
Nach dem Spiel gegen Albanien hatten die türkischen Spieler erklärt, sie hätten damit auf den einige Tage zuvor gestarteten Angriff der türkischen Truppen auf die Kurdengebiete in Syrien aufmerksam machen und ihre Unterstützung zeigen wollen. Die UEFA kündigte im Anschluss an, eine Untersuchung der Geschehnisse einleiten zu wollen © Getty Images
"Ich persönlich habe die Geste nicht gesehen. Nichtsdestotrotz könnte es eine Provokation gewesen sein. Verbietet die UEFA-Verordnung politische und religiöse Botschaften? Ja, und ich kann garantieren, dass wir die Situation untersuchen werden", erklärte Philip Townsend im Namen des Europäischen Fußballverbandes © Getty Images
Anzeige
Die UEFA-Untersuchungen bekommen mit dem Vorfall in Paris nun neues Material, denn die Türken sind nach dem ersten Vorfall beim EM-Quali-Spiel gegen Albanien nun ein "Wiederholungstäter" © Imago
Der in Wetzlar geborene Cenk Tosun hatte das entsprechende Bild bei Instagram gepostet und bekam dafür unter anderem von zwei deutschen Nationalspielern ein "Like", was zu hitzigen Diskussionen führte © Getty Images
Die DFB-Stars Ilkay Gündogan und Emre Can hatten Tosuns Instagram-Post, auf dem folgendes zu lesen war: "Für unsere Nation, vor allem für jene, die für unser Land ihr Leben riskieren" mit einem "Like" versehen, diesen später aber wieder zurückgezogen und sich nach dem 3:0-Sieg in Estland dazu auch geäußert © Imago
"Ich dachte, ich like ein Foto eines Kumpels, mit dem ich teilweise in Manchester zusammengelebt habe, der eine schwierige Zeit beim FC Everton hat, kaum spielt, dann ein Tor schießt und seine Mannschaft zu einem Sieg führt," sagte Gündogan. "Ich kann nochmal betonen, dass da keine politische Absicht dahinter war" © Getty Images
Anzeige
Und Can sagte über sein Instagram-"Like": "Es war vor zwei, drei Tagen. Es war einfach sportlich gemeint. Es hatte nichts mit Politik zu tun, ich bin gegen jegliche Art von Krieg und bete selbst jeden Tag, dass auf der Welt Frieden herrscht." Beide gaben an, mit ihrer Reaktion auf das Bild keinerlei politische Stellungnahme abgegeben zu haben © Getty Images
Der FC St. Pauli hat drastischer reagiert als der DFB und Cenk Sahin offiziell freigestellt. Der Profi hatte auf Instagram die Militäraktion der Türkei in Syrien gut geheißen und damit für viel Wirbel gesorgt. Auf seinem Insta-Account schrieb er in türkischer Sprache: "Wir sind an der Seite unseres heldenhaften Militärs und der Armeen. Unsere Gebete sind mit euch! " Angehängt war dabei auch der Name der türkischen Militäroperation © Getty Images
Fans der Kiezkicker forderten nach Sahins Instagram-Posting seinen sofortigen Rausschmiss – und St. Pauli reagierte mit der Freistellung. Zur Entscheidungsfindung hätten vor allem die wiederholte Missachtung der Werte des Vereins sowie der Schutz des Spielers beigetragen, ließ der Zweitligist nach erneuten Gesprächen zwischen Verantwortlichen des Vereins und dem Spieler verlauten © Imago
Dass auch die UEFA durchgreifen kann, zeigte sie in der Vergangenheit, als beim EM-Quali-Spiel zwischen Serbien und Albanien eine Drohne im Belgrader Stadion aufgetaucht war: In der 42. Minuten schwebte beim Stand von 0:0 über das Spielfeld eine Drohne, an der eine Flagge mit den Umrissen eines großalbanischen Reiches hing © Getty Images
Anzeige
Zudem waren der Schriftzug "autochthonous" ("einheimisch"), sowie die Porträts der ehemaligen albanischen Nationalistenführer Isa Boletini und Ismail Qemali zu sehen. Qemali hatte am 28. November 1912 die albanische Unabhängigkeit ausgerufen. Dieses Datum war ebenfalls auf der Flagge © Getty Images
Der ehemalige Freiburger Stefan Mitrovic riss daraufhin die Flagge herunter, doch albanische Nationalspieler entrissen sie ihm sofort wieder. Es kam zu einer Prügelei, bei der Ersatzspieler beider Teams mitmischten. Auch einige serbische Zuschauer stürmten auf den Rasen und schlugen auf die albanischen Spieler ein. Einen Platzsturm konnte die Polizei gerade noch verhindern. Schiedsrichter Martin Atkinson unterbrach die Partie … © Getty Images
…die Albaner flüchteten in die Kabine und weigerten sich danach, weiterzuspielen. Daraufhin brach Atkinson das Spiel ab. Das Spiel war von der UEFA nachträglich mit 3:0 für Serbien gewertet, die drei Punkte den Gastgebern gleichzeitig aber wieder abgezogen worden. Beide Verbände wurden außerdem mit einer Geldstrafe von jeweils 100.000 Euro belegt. Serbien musste zwei Heimspiele ohne Zuschauer austragen © Getty Images
In den meisten Fällen wurden bisher Geldstrafen verhängt. So auch beim Ex-Gladbacher Granit Xhaka und Ex-Bayern-Profi Xherdan Shaqiri während der WM 2018. Die beiden Schweizer Nationalspieler mit kosovarischen Wurzeln hatten beim Torjubel gegen Serbien mit ihren Händen den albanischen Doppelkopfadler imitiert © Getty Images
Anzeige
Das Europa-League-Spiel zwischen dem luxemburgischen Klub F91 Düdelingen und FK Karabach Agdam aus Aserbaidschan wurde jüngst für 25 Minuten unterbrochen, weil eine Drohne, an der eine armenische Fahne befestigt war, über dem Platz kreiste. Es ging um einen seit Jahren schwelenden politischen Konflikt, der überhaupt nichts mit Fußball zu tun hat © Imago
Armenien und Aserbaidschan befinden sich seit Jahren in einem festgefahrenen Konflikt um die Kaukasusregion Bergkarabach, die völkerrechtlich zu Aserbaidschan gehört, aber seit einem Krieg im Zuge des Zerfalls der Sowjetunion mit russischer Hilfe von Armenien kontrolliert wird. "Wir entschuldigen uns bei unseren Gästen aus Aserbaidschan. Wir haben mit dieser Provokation nichts zu tun. Wir werden das klären", erklärte Düdelingen nach der 1:4-Niederlage gegen Agdam © Getty Images
Nach dem Spiel posierte die Mannschaft aus Karabach demonstrativ mit einer großen aserbaidschanischen Fahne vor dem Fan-Block. Dieses Foto twitterte der Klub am Tag danach und schrieb unter den Post: "Guten Morgen, liebe Karabach-Familie." Den Tweet schlossen drei aserbaidschanische Fahnen ab © Getty Images
Wegen desselben Konflikts sah sich der ehemalige Dortmunder Henrikh Mkhitaryan dazu gezwungen, auf das Europa-League-Finale seines FC Arsenal gegen den FC Chelsea zu verzichten. Der Grund: Mkhitaryan ist Armenier und der Austragungsort des Endspiels 2019 war Baku, die Hauptstadt Aserbaidschans. Es gibt aber auch politische Statements, die positiv zu werten sind, wie das von Hertha BSC © Getty Images
Anzeige
Der Bundesliga-Klub ging aus Solidarität mit amerikanischen Sportlern, die sich aus Protest gegen Rassismus und Polizeigewalt bei der Hymne vor den Spielen niederknien, vor der Partie gegen den FC Schalke 04 ebenfalls in die Knie – und setzte damit ein großes, öffentlichkeitswirksames Zeichen. Damit tat es die Hertha dem früheren San Francisco 49ers Quarterback Colin Kaepernick gleich, der seitdem ohne NFL-Engagement ist © imago
Die Berliner wurden übrigens dafür auch nicht bestraft. Der DFB teilte mit: "Wir sehen die Geste als allgemeines Eintreten für die Wahrung der Menschenrechte." Und die deutsche Fußball-Liga twitterte: "Großartige und wichtige Geste." Was erlaubt und was verboten ist, bleibt eine Grauzone, wie sich auch bei den Regularien der FIFA in einem weiteren Fall zeigt © Getty Images
Auf dem Platz dürfen sich Spieler laut dem Fußball-Weltverband nicht offen politisch positionieren. Denn FIFA duldet weder politische noch persönliche Botschaften. 2007 wurde die Fifa-Regel 4 "Ausrüstung der Spieler" verfasst: Demnach dürfen Spieler keine Unterwäsche, T-Shirts oder dergleichen mit politischen, religiösen oder persönlichen Botschaften, Bildern oder Werbeaufschriften mit Ausnahme des Herstellerlogos zur Schau stellen. Es gibt aber Ausnahmen, wie der Fall Julian Draxler beweist … © Getty Images
Beim Freundschaftsspiel in Dänemark (1:1) trug Draxler eine Spielführer-Binde in Regenbogenfarben, da sich der DFB an einer Aktion des dänischen Fußballverbandes gegen Homophobie beteiligte. Bei einem FIFA-Turnier wäre das undenkbar. Der DFB gab nach dem Remis folgendes Statement ab: "Diese Aktion haben wir selbstverständlich unterstützt, weil sie zu unseren Werten passt." © Getty Images
Anzeige
Es gab seitens der FIFA und UEFA auch keine Sanktionen, da beide großen Fußball-Verbände es bei Freundschaftsspielen und nationalen Wettbewerben den nationalen Verbänden überlassen, wie sie auf politische Statements der Spieler reagieren. In der Bundesliga gab es auch zwei Vorfälle … © Getty Images
Ende 2014 widmete Anthony Ujah vom 1. FC Köln sein Bundesliga-Tor Eric Garner, einem dunkelhäutigen Amerikaner, der von einem weißen Polizisten erwürgt worden war. Auf dem T-Shirt des Nigerianers stand: "Eric Garner #cantbreathe #justice!" © Getty Images
Großes Aufsehen erregte auch der Schweizer Haris Seferovic, damals im Trikot von Eintracht Frankfurt, als er fast zur selben Zeit dem Gewaltopfer Tugçe gedachte. Auf seinem T-Shirt hatte er geschrieben: "Tugçe = Zivilcourage, Engel, Mut, Respekt." Der DFB wies danach darauf hin, dass die Spieler so etwas künftig zu unterlassen haben, doch … © Getty Images
… obwohl er damit gegen die FIFA-Statuten verstieß und in der Bundesliga religiöse und politische Botschaften grundsätzlich verboten sind, bestrafte der DFB weder Seferovic noch Ujah – stellte aber klar: Mehr Ausnahmen wird es künftig nicht geben © Getty Images

"Wenn Politik heißt, Engagement zum Beispiel gegen Homofeindlichkeit, ist das nicht einfach Politik, sondern ein gesellschaftliches Thema, dann hat das damit zu tun, wie wir miteinander leben wollen. Das ist ganz klar die Frage von Werten und gesellschaftlichem Miteinander – wofür wollen wir stehen?" 

Diese Werte des Zusammenlebens zu definieren und gemeinsam zu verteidigen, dafür eigne der Sport sich sehr wohl, und: "Ich glaube, dass der Sport absolut wichtig ist, wenn man an Demokratieförderung denkt."

Anzeige

Reip wünscht sich "Erinnerungstag im deutschen Sport"

Zu den Projekten, in die Reip regelmäßig involviert ist, gehört auch der "Erinnerungstag im deutschen Fußball", der bereits 2004 ins Leben gerufen wurde und seit 2005 vom Bündnis "!Nie wieder" organisiert wird.

Inspiriert von der wichtigen Botschaft der Überlebenden des Konzentrationslagers Dachau und getragen von Menschen aus Fußball, Sport, Faninitiativen, Vereinen und Verbänden wird der Erinnerungstag an den Spieltagen rund um den 27. Januar, dem Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, begangen und steht für würdige Gedenkkultur und ein Stadion ohne Diskriminierung.

In diesem Jahr steht die Geschichte der Menschen im Mittelpunkt, die aufgrund ihrer sexuellen oder geschlechtlichen Identität Opfer des NS-Regimes wurden.

Das Projekt liegt Reip sehr am Herzen – und sie hat für die Zukunft einen Wunsch: Der Erinnerungstag soll zum "Erinnerungstag im deutschen Sport" werden und so noch mehr Menschen mit der wichtigen Botschaft des "!Nie wieder" erreichen.