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Bundesliga: Die Vorgänger des Mainzer Trainerboykotts

Ein Coach überstand Spielerstreik

Brandherd der Liga: "Mainz offensichtlich in Schieflage!"

In Mainz herrscht dicke Luft. Trainer Beierlorzer hat den Rückhalt seiner Mannschaft verloren. Derartiges passiert nicht das erste Mal in der Bundesliga.

Die Mannschaft von Mainz 05 hat das Training boykottiert, um sich für ihren suspendierten Kollegen Adam Szalai einzusetzen. Das klingt wie eine Geschichte aus der Elf-Freunde-Zeit.

Doch selbst damals gab es so etwas nicht, höchstens Einzelfälle wie den des Frankfurter Trios Tony Yeboah/Maurizio Gaudino/Jay-Jay Okocha, das 1994 ein zusätzliches Lauftraining verweigerte und seinen Rauswurf durch Jupp Heynckes provozierte. Auch die diversen Versuche von Jung-Millionären wie Dortmunds Ousmane Dembelé, sich zu einem anderen Klub zu streiken, zählen nicht in diese Kategorie.

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Auf höchster Ebene fällt einem da nur Vize-Weltmeister Frankreich bei der WM 2010 in Südafrika ein. Widerstand allerdings gab es in der Bundesliga schon immer gegen allzu autoritäre oder vermeintlich ungerechte Trainer. Und wenn er in geballter Form auftrat, hat dieser meist verloren. Mit einer bis heute einmaligen Ausnahme: Heinz Höher in Nürnberg!

Höher behielt in Nürnberg Recht

1984 war er mit der drittschwächsten Bilanz eines Vereins überhaupt aus der Bundesliga abgestiegen. Doch der Vorstand gab ihm einen neuen Vertrag über zwei Jahre.

In der Zweiten Liga lief es weiterhin schlecht, Ende Oktober glaubte niemand mehr an den Aufstieg. Und die Spieler glaubten nicht mehr an ihren Trainer, der Laufeinheiten auf geteerten Straßen oder Straftraining morgens um sieben ansetzte: "Aber der Erfolg gibt ihm recht", witzelten die Spieler sarkastisch. Dabei blieb es nicht.

Nach einem 1:1 gegen Oberhausen wollte der Spielerrat dem Präsidenten sein Leid klagen, wurde aber abgekanzelt: "Hier wird nicht diskutiert. Ihr geht jetzt alle nach Hause", sagte Gerd Schmelzer.

Die Spieler gingen lieber ins Café und setzten eine Erklärung auf über alles, was ihnen das Spielerleben verbitterte. Der Spielerrat brachte das Papier persönlich bei den Nürnberger Zeitungen vorbei. Kapitän Udo Horsmann erklärte: "Die Mannschaft war verzweifelt und das Maß voll." Das musste doch wohl reichen, um den Trainer zu vertreiben? Irrtum.

Zwar verweigerten 15 Spieler am nächsten Tag das Training und die Bilder, die Höher mit fünf jugendlichen Streikbrechern zeigten, gingen um die halbe Welt. Der Vorstand handelte unerwartet. Motto: Wenn der Trainer die Mannschaft nicht mehr erreicht, geben wir ihm eben eine neue.

Mit aller Härte schlug er die Rebellion nieder. Sechs Rädelsführer wurden entlassen, erhielten Hausverbot, widrigenfalls wurde mit Haft (!) gedroht. Außerdem beantragte der Verein beim DFB eine "Sperre auf Lebenszeit" für die Sechs um Ex-Nationaltorwart Rudi Kargus.

Auf Anraten eines Anwalts erschienen die Übrigen zum nächsten Spiel, in dem Jugendliche und Amateure die Lücken schlossen. Damit war ein Keil in die Rebellion getrieben. Spätere Nationalspieler wie Stefan Reuter, Hans Dorfner und Dieter Eckstein profitierten von der Situation, die ihr Karrieresprungbrett wurde.

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Das Durchschnittsalter beim 1:2 in Aachen betrug 20,4 Jahre, die junge Mannschaft eroberte die Herzen der Fans und stürmte (mit Höher) in die Bundesliga. Den satten Altstars, als die die Rebellen vom Verein hingestellt wurden, weinte keiner eine Träne nach.

Die Bayern wollten Max Merkel nicht

Meistens aber ging es anders aus.

Die ersten Spieleraufstände der Bundesliga provozierte der Österreicher Max Merkel, eigentlich überall, wo er war.

Wenn er nur den Mund aufmachte, lagen die von beißendem Spott schwer Verletzten am Wegesrand. Doch so lange der Erfolg da war, ließen die Vorstände den Wiener gewähren. Im Dezember 1966 war er nicht mehr da, der Vorjahresmeister 1860 München spielte gegen den Abstieg. Merkel forderte dennoch einen neuen Vertrag, "um acht Spieler zu feuern. Und für die übrigen wäre es auch besser, dann gleich mitzugehen."

Nun reichte es. Kapitän Peter Grosser gab eine schon Mitleid erregende Erklärung ab: "Worum wir seit Jahren bitten, das ist, jenes Mindestmaß an Psychologie und die elementaren Grundsätze der Menschenwürde nicht auszuschalten."

Den Vorstand überzeugte auch das Spielervotum von 16:1 gegen Merkel, der sofort rausflog. Er fand in Nürnberg einen neuen Platz, wurde wieder Meister und im Jahr darauf in Abstiegsgefahr gefeuert. Einen offenen Aufstand gab es zwar nicht, aber die Spieler machten immer mal Meldung nach oben und setzten sich für gedemütigte Kameraden ein.

Nach Merkels Abgang kommunizierte der Verein, der Trainer habe "den Weltklassespieler Cebinac aus vorwiegend persönlichen Gründen solange provoziert und madig gemacht, bis der Jugoslawe in beinahe verständlichen Kurzschlussreaktionen seinerzeit kaum tragbare Torheiten beging". Er nannte Cebinac einen "Eselstreiber" und "Schaschlikbrater". Der so Gescholtene verließ einmal frustriert das Trainingslager vor einem Spiel.

Dicke Schlagzeilen lieferte ein Aufstand gegen Merkel 1979. Es war der erste gegen einen Trainer, der noch gar nicht da war, und er spielte an der Säbener Straße. Das reichte, um in die Tagesschau zu kommen. Die Bayern waren in der Krise, feuerten nach einem 1:7 in Düsseldorf Gyula Lorant. Auch das war eine Art Aufstand, das Team spielte gegen den verhassten Trainer und mit Abseitsfalle, was er strikt verboten hatte.

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Präsident Wilhelm Neudecker wollte ihnen zur Strafe Max Merkel vorsetzen, doch die Mannschaft wollte lieber den beliebten Interimscoach Pal Csernai behalten und verhinderte dies einstimmig (16:0), zumal Neudecker wortbrüchig geworden war. Das Team hatte im März die nötigen Punkte geholt, um Csernai behalten zu dürfen, wie man es vereinbart hatte. Mit den Stars der Siebziger konnte man so etwas nicht mehr machen. Angeführt wurde die Rebellion – wie konnte es anders sein – von Paul Breitner.

So viel Demokratieverständnis zermürbte den Präsidenten und trieb ihn zum Rücktritt. Der Vorgang schaffte es in die 20-Uhr-Tagesschau, Kapitän Sepp Maier musste sich per Live-Schalte kritische Fragen gefallen lassen, Bundestrainer Jupp Derwall lud ihn zum nächsten Länderspiel aus. Rebellen mochte der DFB nie.

Hans Meyer überstand Aufstand und flog trotzdem raus

Es gab sie weiterhin.

Weitere Beispiele von Aufständen gegen abgewählte Trainer:

"17:4 gegen Piechaczek" meldete der Kicker 1971 quasi direkt aus der Bielefelder Mannschaftssitzung. Allerdings durfte der Arminen-Coach noch ein paar Monate bleiben.

Rot-Weiss Essens Vorstand dagegen knickte 1973 sofort ein und schickte Horst Witzler in die Wüste: "Es war der Wunsch der Mannschaft, dem wir uns beugen mussten", jammerte der Präsident. Im Februar 1980 vermeldete der MSV Duisburg: "Es kann nicht immer maßgebend sein, was die Spieler denken. Aber sie haben uns doch etliche Argumente geliefert, die es uns ratsam erscheinen ließen, uns von Heinz Höher zu trennen."

So erging es auch Egon Coordes 1992 in Hamburg (14:3 Stimmen), Jörg Berger 1996 auf Schalke (23:4) oder Wolfgang Sidka 2004 bei Regionalligist Bielefeld (22:0). Der inoffizielle Rekordhalter ist Winfried Schäfer, er erlitt 1998 ein 0:25 beim VfB Stuttgart. Thomas Tuchel hätte 2017 in Dortmund wohl kaum mehr Stimmen bekommen. Auch hier reagierte der selbst über Tuchels Äußerungen verärgerte Vorstand auf interne Verstimmungen – trotz eines Pokalsiegs flog er raus.

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Hans Meyer dagegen überlebte 2009 in Mönchengladbach eine Meuterei. Die Mannschaft beschwerte sich schriftlich beim Vorstand über den Umgangston und Arbeitsstil ihres Trainers.

So geschehen im Wintertrainingslager zu Gran Canaria, als ein von einigen Spielern unterschriebener Brief bei Präsident Rolf Königs abgegeben worden war. Beklagt wurde auch die Herzlosigkeit, dass aussortierte Spieler nicht mehr mittrainieren durften und der beliebte Physiotherapeut nach Meyers Amtsantritt im November gefeuert worden war.

Kapitän Filip Daems wurde so zitiert: "Wir wollten mit diesem Brief unsere Solidarität mit den betroffenen Spielern zeigen. Wir haben als Mannschaft immer gut zusammengehalten. Es hätte ja jeden von uns erwischen können." Kurz vor Saisonende erwischte es Meyer dann doch. Kein gutes Omen für Achim Beierlorzer.