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Tour de France: Tadej Pogacar zu gut, um sauber zu sein?

Pogacar: Zu gut, um sauber zu sein?

Tadej Pogacar mit Freundin Urska Zigart - selbst erfolgreiche Radsportlerin © Imago

Tour-de-France-Sieger Tadej Pogacar verblüffte mit seinen aberwitzigen Bergfahrten die Sportwelt. Kann dabei alles mit rechten Dingen zugegangen sein?

Wie hat dieser Junge das gemacht?

Es war und ist die große Frage nach der Wahnsinnsfahrt an der Planche des Belles Filles, mit der Tadej Pogacar am Samstag Primoz Roglic den sicher geglaubten Sieg bei der Tour de France wegschnappte. Und er selbst schien es sich auch zu fragen.

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"Ich bin doch nur ein Junge aus Slowenien", sagte der Nachwuchsstar, der am Tag darauf als Sieger in Paris einfuhr, einen Tag vor seinem 22. Geburtstag an diesem Montag: "Schon diese Pressekonferenz ist zu groß für mich." Er könne "immer noch nicht verstehen, dass ich hier in Gelb sitze. Ehrlich, ich habe dafür keine Worte."

Pogacars unerwartetes Meisterstück beim irrwitzigen Bergzeitfahren an der "Planke der schönen Mädchen" - das an das ähnlich gelagerte Tour-Drama zwischen Greg LeMond und Laurent Fignon 1989 erinnerte - machte nicht nur ihn sprachlos.

Die Art und Weise, wie der Durchstarter aus der 6000-Einwohner-Stadt Komenda den Tour-Thron an sich ist, sorgte weltweit für Erstaunen und Verblüffung, aber auch für mulmige Gefühle.

Tadej Pogacar bricht belastete Rekorde

Erst seit 2019 ist Pogacar Profi beim UAE-Emirates-Team und demütigte nun bei seiner Tour-Premiere Kumpel Roglic auf dessen Lieblingsterrain, nahm ihm am Samstag fast zwei Minuten ab - und ist nun der erste Fahrer überhaupt, der die Trikots in gelb (Die Gesamtwertung der Tour de France), weiß (Die Nachwuchswertung der Tour de France) und gepunktet (Die Bergwertung der Tour de France) in einem Jahr gewann.

Reihenweise brach Pogacar - dessen Freundin Urska Zigart ebenfalls eine erfolgreiche Radsportlerin ist - dabei die Kletterrekorde an den Tour-Anstiegen. Rekorde, die nicht unbelastet sind.

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Am Col de Peyresourde auf der 8. Etappe etwa toppte Pogacar die 17 Jahre alte Bestmarke des überführten Dopers Alexander Winokurow, war satte 1:40 Minuten schneller unterwegs als die gefallenen Helden Jan Ullrich und Lance Armstrong 2001.

Obwohl er seit 2011 nicht mehr als Profi im Sattel sitzt, bestimmt Lance Armstrong die Schlagzeilen seines Sports. Der schon immer hoch umstrittene, ehemalige Radsport-Superstar soll bei der Aufzeichnung der Show von US-Talkerin Oprah Winfrey ein Doping-Geständnis abgelegt haben © Getty Images
Bisher hatte der 41-Jährige stets die Einnahme verbotener Substanzen bestritten, wurde aber von der Anti-Doping-Agentur USADA dank zahlreicher Zeugenaussagen, darunter Ex-Kollegen wie Floyd Landis, Tyler Hamilon oder George Hincapie, sowie Indizien-Beweise überführt © Getty Images
Die Konsequenz: Der Rad-Weltverband musste all seine Ergebnisse seit August 1998 annulieren, darunter die sieben Siege bei der Tour de France zwischen 1999 - 2005. Der einstige "Tourminator" steht als einer der größten Betrüger des Profisports da © Getty Images
Armstrongs Profikarriere mit ihren vielen spektakulären Höhenpunkten war immer von Doping-Gerüchten begleitet. SPORT1 zeichnet wichtige Stationen nach © Getty Images
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1993 tritt Lance Armstrong erstmals ins Rampenlicht: Er wird Straßenweltmeister in Oslo © Getty Images
Die Schockdiagnose Krebs ereilt Armstrong 1996. Er begibt sich in ärztliche Behandlung..... © Getty Images
..lässt es sich aber nicht nehmen, während der Behandlung 1997 bei der Tour vorbeizuschauen und George Hincapie zu treffen © Getty Images
1998 kehrt Armstrong geheilt zurück, ein Jahr später gewinnt der Texaner zum ersten Mal die Tour de France - ein Überraschung, da Armstrong zuvor stets als Spezialist für Eintages-Rennen gegolten hatte © Getty Images
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In den folgenden Jahren dominiert der US-Amerikaner die Frankreich-Rundfahrt © Getty Images
2001 siegt Lance Armstrong vor Jan Ullrich und Joseba Beloki © Getty Images
Lance Armstrong beim Anstieg zum Mont Ventoux 2002. Die Etappe gewinnt der französische Kletter-König Richard Virenque © Getty Images
Im selben Jahr wird Lance Armstrong die Ehre zuteil, die olympische Flamme nach Salt Lake City zu tragen © Getty Images
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Eine bittere Niederlage muss Armstrong 2003 hinnehmen. Im ersten Zeitfahren der Tour wird er von seinem deutschen Dauer-Rivalen Jan Ullrich bezwungen © Getty Images
Eine der spektakulärsten Szenen des erbitterten Duells zwischen Armstrong und Ullrich um die Tour-Krone. Auf der 15. Etappe bleibt Lance Armstrong auf dem Schlussanstieg nach Luz Ardiden mit dem Lenker in einer Tüte hängen und stürzt © Getty Images
Ullrich wartet fair auf den Amerikaner, der danach ein mörderisches Tempo vorlegt und die Etappe sogar noch gewinnt. Am Ende ist es in Paris das gewohnte Bild. Armstrong vor Ullrich © Getty Images
In den Bergen duellierte sich Armstrong häufig mit dem mittlerweile verstorbenen Marco Pantani © Getty Images
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2005 beendet Armstrong seine Karriere, kehrt aber 2009 in den Radsport zurück. Sein Vorhaben, die Tour zum achten Mal zu gewinnen scheitert. Hinter Sieger Alberto Contador und dem Luxemburger Andy Schleck wird der 38-Jährige Dritter © Getty Images
Sein letztes Rennen außerhalb der USA fährt Armstrong bei der Tour Down Under 2011 in Australien © Getty Images
Aus der Ehe mit seiner ehemaligen Frau Kristin hat Armstrong insgesamt drei Kinder © Getty Images
US-Popstar Sheryl Crow ist von Oktober 2003 bis Januar 2006 die Frau an Armstrongs Seite © Getty Images
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Nach seiner Karriere widmet sich Lance Armstrong anderen Interessen. Als prominenter Gast darf er den ersten Pitch in der MLB-Partie Texas Rangers gegen New York Yankees © Getty Images
Nach dem Karriereende lässt Armstrong aber nicht vom Sport. Der einstige Junioren-Weltmeiser im Triathlon entdeckt seine Leidenschaft für den Ausdauer-Dreikampf wieder. Zur geplanten Teilnahme am Ironman Hawaii 2012 kommt es aber aufgrund der laufenden Doping-Ermittlungen der USADA nicht © Getty Images
Im Sommer 2004 entwirft Armstrong das Livestrong-Armband, welches Teil der Anti-Krebs-Kampagne "Wear Yellow and live strong". Mit seinem Engagement bei der Bekämpfung der Krankheit erwirbt der Amerikaner mit seiner Stiftung große Verdienste © Getty Images
Aber das Doping-Thema wirft über die gesamte Karriere Lance Armstrongs einen großen, dunklen Schatten © Getty Images
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Leistungs-Niveau ähnlich wie bei Lance Armstrong

Bemerkenswert außerdem: Messungen ergaben, dass Pogacar bei besagtem Teilstück mit einer Energie von 6,5 Watt pro Kilogramm Körpergewicht in die Pedale trat - ein ähnliches Level, wie es einst Ullrich und Armstrong erreichten.

Ebenjener Armstrong feierte Pogacars Leistung auf der vorletzten Etappe nun als "unglaublich" - ein Kompliment, das aus diesem Munde seine Schlagseite hat. Offene Skepsis klang beim früheren deutschen Publikumsliebling Jens Voigt durch, der bei Eurosport festhielt: "Er hat Roglic völlig zerstört. Eine unglaublich starke Leistung. Hoffen wir, dass wir uns auch noch in fünf Jahren darüber freuen dürfen."

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Slowenische Dominanz bei Tour de France

Pogacar - dessen Vorbild der ebenfalls vielfach ins Zwielicht gerückte Alberto Contador ist - ist bei weitem nicht der erste Fahrer, bei dem Experten in Frage stellen, ob sich sein Leistungsniveau durch natürliche Fortschritte erklären lassen. Das ewig schwelende Doping-Problem rückte direkt am Tag nach der Tour durch den heraufziehenden Skandal um das Team Arkea-Samsic mit Nairo Quintana wieder in den Fokus.

In seinem speziellen Fall ist es wie auch bei Roglic der bemerkenswerte Aufstieg Sloweniens zur Radsport-Nation, die zusätzlich zu Spekulationen einlädt - und vor allem auch die Spuren, die in der "Operation Aderlass" in das Zwei-Millionen-Einwohnerland führen.

Acht der 19 Slowenen, die zwischen 2009 und 2019 auf World-Tour-Niveau fuhren, haben Sperren aus dem Kerbholz, auch Pogacars Entdecker Andrej Hauptman, ein Mitglied der Ullrich-Armstrong-Generation, ist belastet: Er wurde 2000 wegen auffälliger Blutwerte nicht zur Tour zugelassen. Nicht zu vergessen auch: Der Schweizer UAE-Teamchef Mauro Gianetti hat ebenfalls eine Vorgeschichte, unter anderem war er Teamchef von Saunier Duval, als Riccardo Ricco 2008 als EPO-Doper aufflog.

Konkrete Anhaltspunkte gegen Pogacar - der versichert, der hätte "nichts zu verbergen" - liegen nicht vor, auch alle Vergleiche seiner Leistungsdaten mit denen von einst sind nur Indizien, die Unschuldsvermutung gilt für ihn wie für alle anderen im Peloton.

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Der Zweifel ist allerdings ein Verfolger, den kein Spitzenradsportler so schnell wird abschütteln können. Gerade nicht, wenn er so dominiert wie Pogacar.

Mit Sportinformationsdienst (SID)