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FC Schalke 04 ohne Clemens Tönnies - so geht es weiter

Wie geht es bei Schalke weiter?

"Viele kleine Peinlichkeiten": So kam es zum Tönnies-Beben

Beim FC Schalke 04 entsteht nach dem Rücktritt von Clemens Tönnies ein Machtvakuum. SPORT1 zeigt, wer bei Schalke das neue Gesicht werden könnte.

Der FC Schalke 04 ohne Clemens Tönnies – was lange unvorstellbar schien, ist nun wahr geworden.

Seit 26 Jahren war Tönnies im Verein, seit 2001 Aufsichtsratschef. Nun macht der 64-Jährige auch wegen des immer größeren werdenden Drucks auf seine Person den Weg frei.

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Während die Fans weitestgehend der Meinung sind, dass Schalke dadurch in eine bessere Zukunft blickt und mit Plakaten schon lange einen Neuanfang forderten, bedauern die Schalker Verantwortlichen zumindest nach außen Tönnies' Entscheidung sehr.

Der CHECK24 Doppelpass mit Schalke-Vorstand Jochen Schneider am Sonntag ab 11 Uhr LIVE auf SPORT1 und im LIVESTREAM

Ist der Boss-Abgang nun also Fluch oder Segen für den Klub? Und wer wird der neue starke Mann auf Schalke?

Tönnies-Aus als Befreiung? 

Klar ist: Tönnies' Rücktritt war alternativlos und kann Schalke befreien.

Die Negativschlagzeilen um den gelernten Fleischtechniker, der auch seine Ämter im Eilausschuss für sportliche Entscheidungen und im Wirtschaftsausschuss abgibt, nahmen in den vergangenen Monaten ungeahnte Ausmaße an.

Bereits in der Vergangenheit kam Kritik wegen des Gazprom-Deals oder vermeintlicher Steuervergehen auf, dazu wurde ihm zu viel Einflussnahme und Eingriffe in die Arbeit des Vorstands vorgeworfen.

2020 entwickelte sich für Tönnies dann zum (selbst verschuldeten) Horrorjahr.

Mit seinen rassistischen Äußerungen beim Tag des Handwerks ("Dann würden die Afrikaner aufhören, Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn's dunkel ist, Kinder zu produzieren") sorgte Tönnies im August für einen Skandal.

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Tönnies ließ zwar sein Amt als Aufsichtsratschef für drei Monate ruhen, kam abgesehen davon aber weitestgehend ungeschoren davon. 

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Im Mai brachte Tönnies dann viele Fans mit der geplanten Ausgliederung der Profiabteilung weiter gegen sich auf, Mitte Juni schnürte sich die Schlinge für Tönnies endgültig zu.

In seiner Fleischfabrik wurden inzwischen über 1500 Coronafälle vermeldet, was schließlich zu einem erneuten Lockdown in den Kreisen Gütersloh und Warendorf führte. Bei der Herausgabe der Mitarbeiterdaten kam es zudem zu Verzögerungen. Beides wurde Tönnies angelastet.

Am 27. Juni veranstalteten Schalke-Ultras schließlich eine Fan-Demo gegen Tönnies. "Schalke ist kein Schlachthof! Gegen die Zerlegung unseres Vereins", lautet das markige Motto.

Proteste auf Schalke: S04-Fans demonstrieren gegen Tönnies

Tönnies hat "viel Gutes" gemacht

Tönnies war bei Schalke schlussendlich nicht mehr tragbar - gleichzeitig ist auch seine Bedeutung für S04 unbestritten.

"Er hat auch viel Gutes für Schalke gemacht", sagte der ehemalige Sportvorstand Christian Heidel im SPORT1-Interview.

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Tönnies habe  "ganz entscheidenden Anteil daran, dass sich der FC Schalke 04 in den vergangenen 26 Jahren als eines der sportlichen und wirtschaftlichen Schwergewichte in der Bundesliga etabliert hat", wurden die Vorstände Alexander Jobst und Jochen Schneider in der Pressemitteilung zitiert.

Hoeneß verteidigt Tönnies

Tönnies war und ist, wie er in seiner Abschiedserklärung betonte, Schalker durch und durch. Er war das Gesicht des Klubs und stand auch in vielen Krisen seinen Mann.

Ob mit dem Bau der Veltins-Arena, strategischen Deals wie mit Gazprom (umstritten, aber auch lukrativ) oder der Förderung der Knappenschmiede - der Ex-Boss hat den Verein vorangebracht und wird ihm auch in manchen Aspekten fehlen. Nicht zuletzt, weil er dem Klub immer wieder mit Darlehen oder Krediten half. Sein letztes erfolgreiches Projekt: die Entscheidung für das Bauprojekt Berger Feld, das die Weiterentwicklung des Vereins sichern soll.

Tönnies habe das Gremium "mit seiner Mischung aus Bodenständigkeit und Dynamik geprägt, immer wieder war er der Motor, der wegweisende Prozesse angestoßen und federführend begleitet hat", ergänzte sein bisheriger Stellvertreter Dr. Jens Buchta. Mit seiner "Erfahrung und Expertise" werde Tönnies "in seiner Rolle als Aufsichtsratsvorsitzender schwer zu ersetzen sein."

Heidel sagte bei SPORT1: "So, wie ich ihn kennen und schätzen gelernt habe, ist er ein guter Mensch."

Tönnies will sich nun komplett auf sein Fleisch-Unternehmen konzentrieren, um es "erfolgreich durch die schwerste Krise seiner Geschichte zu führen". Er werde Schalke aber " ein Leben lang verbunden bleiben".

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Wer wird Schalkes neues Gesicht?

"Man sollte nicht sagen, Tönnies muss weg, ohne zu wissen, wie es anschließend weitergeht", hatte Heidel bereits vor dessen Rücktritt gesagt: "Wenn er geht, wer kommt dann? Später zu sagen, das war doch der falsche Schritt, ist dann zu spät."

Und der 57-Jährige hat nicht unrecht, ein Führungschaos und Machtvakuum herrscht auf Schalke jetzt erst recht. Im Klub ging man nach SPORT1-Informationen danach aus, dass der krisenerprobte Tönnies auch diese schwierige Situation durchstehen wird.

Vor dem großen S04-Boss hatte mit Finanzvorstand Peter Peters bereits ein weiteres Schalker Urgestein per vorzeitiger Vertragsauflösung den Klub verlassen. 27 Jahre war Peters in Gelsenkirchen tätig, hatte am Dienstag seinen letzten Arbeitstag.

Darum kam es zum Bruch zwischen Schalke und Peters

Dazu schlug die Trennung vom langjährigen Mediendirektor Thomas Spiegel hohe Wellen.

Buchta folgt als Aufsichtratschef auf Tönnies

Tönnies' Rolle nahm nun vorerst dessen bisheriger Vize Buchta ein, der noch am Dienstag einstimmig vom Aufsichtsrat gewählt wurde. Der 57-Jährige ist seit 2006 im Gremium und stand als Tönnies' Interimes-Vertreter während der Pause im Rassismus-Skandal bereits vor einigen Monaten in erster Reihe.

Der Rechtsanwalt war zuletzt auch bei der Schalker Boss-Runde mit Tönnies, Schneider und Jobst in der Fleisch-Firmenzentrale in Rheda mit dabei, als es um die Neuausrichtung des Klubs ging. Dieses Konzept soll am Mittwoch auf einer Pressekonferenz vorgestellt werden.

Ob Buchta langfristig ein Mann für die erste Reihe ist? Unklar. Schalke benötigt aber starke Personen im Aufsichtsrat und Vorstand.

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Schneider, der sich in den vergangenen Wochen immer wieder öffentlich stellte, wird intern die Rolle als Gesicht des Vorstands zugetraut. Allerdings lehnte er selbst eine solche Rolle auf SPORT1-Nachfrage ab.

Jobst wiederum soll neben dem Marketing-Ressort auch noch die Organisation im Klub übernehmen.

Volles Vertrauen hat der Klub zudem in Christina Rühl-Hamers, die als Finanzdirektorin unter Peters arbeitete und zunächst dessen Amt kommissarisch übernehmen soll.

Finanzielle Schieflage

Neben den Unruhen um Tönnies und der nun entstandenen Lücke sowie dem sportlichen Abwärtstrend mit der negativen Rekordserie von 16 Bundesliga-Spielen ohne Sieg sieht es bei den Knappen auch finanziell alles andere als rosig aus.

197,9 Millionen Euro Verbindlichkeiten wies der Konzernabschluss 2019 aus - und das schon vor den negativen Corona-Effekten.

NRW bürgt wohl mit 40 Mio. für S04

Im April sprach Jobst bereits von einer "potenziell existenzbedrohenden" Lage. 26,1 Millionen Euro Verlust verbuchte Schalke 2018/19, durch die Coronakrise büßt der Klub noch einmal etwa 40 Millionen Euro ein.

Laut Handelsblatt nimmt Königsblau eine 40-Millionen-Euro-Ausfallbürgschaft des Landes Nordrhein-Westfalen in Anspruch, um einen Kredit abzusichern, der für den Traditionsklub überlebenswichtig ist.

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"Es wird garantiert keine Lex Schalke 04 geben", versicherte NRW-Ministerpräsident Armin Laschet zwar in der Düsseldorfer Landespressekonferenz. Jede Bürgschaft werde "nach strengen Kriterien geprüft".

Ob Tönnies' Rücktritt eine Bedingung war, blieb zunächst unklar - die Bürgschaft könnte aber sogar das Bestehen des Vereins sichern.

Heidel äußerte auch mit Blick auf eine mögliche Ausgliederung nur einen Wunsch: "Auch wenn man vielleicht neue Wege gehen muss, ist es wichtig, dass das Vereins-Leitbild weiter bleibt. Schalke muss Schalke bleiben."

Zum ersten Mal seit 26 Jahren wird das in Zukunft ein Schalke ohne Tönnies sein.