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Alessandro Zanardi: Formel-1-Pilot, Rennfahrer und Handbike-Athlet am Limit

Der Mann, der fast schon tot war

Alessandro Zanardi verunfallte am 15. September 2001 in der Champ Car Series schwer © Imago

Alessandro Zanardi kämpft nach einem schweren Handbike-Unfall um sein Leben. Es ist nicht das erste Mal, dass der Italiener, der sich nie unterkriegen ließ, dem Tod ins Auge sieht.

Dem Tod ist Alessandro Zanardi schon zweimal von der Schippe gesprungen. 1993, als er in Spa als Formel-1-Pilot in die Mauer der Eau Rouge raste und ein infernalisches Trümmerfeld mit nicht mehr als einer Gehirnerschütterung verließ.

Und 2001, als er auf dem Lausitzring so schwer verunglückte, dass ihm die Ärzte beide Unterschenkel amputieren mussten. Nun betet die gesamte Sportwelt, dass der Italiener, der nach einem Handbike-Unfall am Freitag um sein Leben kämpft, dem Sensenmann ein drittes Mal die lange Nase zeigen kann.

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"Du warst immer ein Kämpfer und wirst immer einer sein", rief Jean Todt, der Präsident des Automobil-Weltverbandes FIA, Zanardi aus der Ferne zu. Und deshalb steht für Zanardis einstigen Königsklassen-Weggefährten Giancarlo Fisichella fest: "Du wirst es auch diesmal schaffen."

Zanardi bei Paralympics sehr erfolgreich

Zanardi hat sich trotz schwerster Rückschläge nie unterkriegen lassen, die Liebe zum Sport fing ihn nach dem Lausitzring-Desaster, nach dem nichts mehr war wie zuvor, auf und trieb ihn zu einer grandiosen Karriere in paralympischen Disziplinen an. "Jeder Trainingstag war ein Geschenk", sagte Zanardi, als er sich auf seine ersten paralympischen Spiele in London vorbereitete.

Auch mit bald 54 Jahren dachte der viermalige Paralympics-Sieger noch nicht ans Aufhören, das Rennen in der Toskana, bei dem Zanardi mit einem Lastwagen kollidierte, sollte nur eine Zwischenstation in seinem zweiten Sportlerleben sein.

In seinem ersten als Formel-1-Pilot war Zanardi nicht gerade eine große Nummer (ein Punkt in 41 Rennen zwischen 1991 und 1999), dann gewann er aber zweimal die amerikanische Konkurrenz-Serie Champ Car (1997 und 1998).

Bei deren Europa-Debüt in der Lausitz am 15. September 2001 - kurz nach den Anschlägen von New York ohnehin eine Veranstaltung in beklemmender Atmosphäre - schoss der Kanadier Alex Tagliani den unkontrolliert trudelnden Zanardi-Wagen mit 320 km/h ab.

Ironman mit Handbike und Rollstuhl

Zanardis Überleben war ein Wunder, sieben Mal musste er wiederbelebt werden, verlor knapp drei Viertel seines Blutes. "Laut Wissenschaft hatte ich nicht den Hauch einer Chance", sagte Zanardi, der nie mit Groll auf jenen Tag zurückschaute: "Der Unfall war kein dunkler Moment meiner Karriere. Es war einer der leuchtendsten Augenblicke." Und: "Seitdem mag ich Bier. Das muss an dem vielen deutschen Blut liegen, das ich bekommen habe."

Alessandro "Alex" Zanardi ist vielleicht nicht der beste Rennfahrer der Geschichte. Dennoch ist seine Karriere einzigartig und an Auf und Abs nicht zu überbieten - das aktuelle Highlight ist das Absolvieren des Ironman auf Hawaii. SPORT1 blickt auf die Laufbahn des Italieners zurück © SPORT1
Erstmals auf sich aufmerksam macht Zanardi von 1991 bis 1994 in der Formel 1. Er fährt für Jordan, Minardi und Lotus - erreicht in 25 Rennen nur einen einzigen Zähler. Im belgischen Spa-Franchochamps wird er Sechster © imago
Sein Stern geht in der US-Rennserie Champ Car auf. Zanardi, der tatsächlich wegen seines "unaussprechlichen" Namens in den USA in den USA nur "Alex" genannt wird, gewinnt zwei Titel in Folge (1997, 1998) © Getty Images
Unter anderem zeigt er eines der spektakulärsten Überholmanöver der Renngeschichte. In der Korkenzieher-Kurve von Laguna Seca schiebt er sich in der letzten Runde an Bryan Herta vorbei. In der nichteinzusehenden Bergabpassage ein waghalsiges Unterfangen © Getty Images
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Weil er nach eigener Aussage noch eine "Rechnung offen" hat mit der Formel 1, kehrt er 1999 in die Königsklasse zurück. Bei Williams wird er Teamkollege von ... © Getty Images
... Ralf Schumacher, dem kleinen Bruder des siebenmaligen Weltmeisters Michael. Doch während "Schumi II" regelmäßig in die Punkte und manchmal sogar auf das Podium fährt ... © Getty Images
... überzeugt Zanardi wieder nicht. Er sammelt im absolut konkurrenzfähigen Williams keinen einzigen Punkt und legt erst einmal eine Motorsport-Pause ein © Getty Images
2001 kehrt er zurück in die Champ-Car-Serie. Das Comeback glückt vorerst nicht. Doch am 15. September 2001 führt am Lausitzring in Brandenburg nach langer, langer Zeit mal wieder ein Rennen an. Es folgt der Moment, der Alex Zanardis Leben nachhaltig beeinflussen wird © Getty Images
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13 Runden vor Schluss liegt der aus dem hinteren Feld gestartete Zanardi in Führung. Nach seinem Boxenstopp gerät er auf das Gras und verliert die Kontrolle über sein Fahrzeug. Das schleudert auf die Straße. Alex Tagliani kann nicht mehr ausweichen... © imago
... und kracht mit über 300 km/h im Cockpit-Bereich in Zanardis Auto, was in zwei Teile zerbricht © imago
Die Helfer und Ordner sind sofort zur Stelle und leisten erste Hilfe © Getty Images
Insgesamt neun Mal muss Zanardi wiederbelebt werden. Er verliert bei dem Unfall beide Beine oberhalb der Knie - aber er überlebt © Getty Images
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Ein Jahr später: Alex Zanardi kann nicht vom Motorsport ablassen. In Toronto schwenkt er die gelbe Flagge für den Start des Rennen. Danach folgt die grüne für den scharfen Start, und die schwarz-weiß-karrierte Flagge für das Rennenede. Zanardi ist wieder da © Getty Images
Und wie er wieder da ist. Wir befinden uns im Jahr 2003 am Ort des Schreckens. Alex Zanardi sitzt tatsächlich in einem Formel-Rennwagen am Lausitzring. Er fährt "sein Rennen" zu Ende - die letzten 13 Runden © Getty Images
Ein Zanardi kennt kein Zurückhalten. Die Rundenzeiten an dem Ort, an dem er seine Beine und fast sein Leben verliert, sind so schnell, dass es für den fünften Platz im Qualifying 2001 gereicht hätte. Respekt! © Getty Images
Der Italiener beweist, wie es geht. In der Tourenwagen-WM startet er für BMW. Im italienischen Monza fährt er sein erstes Rennen © imago
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Noch im August des selben Jahres legt Alex Zanardi einen Burnout auf den Kurs von Oschersleben. Wenige Momente zuvor siegt er als erster beinamputierter Fahrer den Automobilsportgeschichte © imago
Eine Sektdusche, wie sie verdienter kaum sein mag © imago
2006 der nächste Meilenstein: Zanardi wird in das Formel-1-Auto des Teams BMW-Saubers, der eigens für ihn umgerüstet wurde, gehoben. Der Test beginnt mit der Frage des Italieners: "Soll ich meine Füße schmaler machen?" © Getty Images
Er dreht in Valencia 30 Runden. Die Zeiten sind respektabel © Getty Images
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Zanardi sucht sich immer neue Herausforderungen. 2012 nimmt er im Handbike an den Paralympics in London teil © Getty Images
Und der Siegertyp Zanardi jubelt über drei Medaillen. Silber im Team... © Getty Images
... Gold im Zeitfahren ... © Getty Images
... und auch Gold im Straßenrennen. 2016 in Rio will er auch an den Start gehen © Getty Images
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Aus dem Motorsport zieht er sich 2009 zurück, 2014 feiert er ein vielbeachtetes Comeback in einer Motorsportrennserie für Gran-Turismo-Fahrzeuge. Auf dem Oktoberfest 2014 probiert er zusammen mit Bergsteiger Stefan Glowacz eine Schnupftabakkanone aus - mit mäßiger Freude © imago
Ach ja, und Ironman darf er sich jetzt auch noch nennen. In 9:47:14 Stunden absolviert der 47-Jährige die 3,86 Kilometer Schwimmen, 180,2 Kilometer mit dem Handbike und 42,195 Kilometer im Rennrollstuhl. Platz 273 unter 2187 Teilnehmern steht am Ende zu Buche, 252. bei den Männern und 19. in seiner Altersgruppe © Getty Images
Formel 1, Champ Car, Tourenwagen, Beinamputation, Handbike, Ironman - Alex Zanardi, der einfach nicht unterzukriegende Italiener © Getty Images
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Zanardi nutzte die Zeit, die ihm geschenkt wurde, mit aller Intensität. Er, der auch eine TV-Show in seiner Heimat bekam, wurde ein Star im Behindertensport, bestritt - mit Handbike und Rollstuhl - den Ironman und fuhr wieder Autorennen.

Dass gerade ihn nun das Schicksal erneut auf derart brutale Weise auf die Probe stellt, die vielleicht härteste in diesem einzigartigen Leben, erschüttert und bewegt. Denn Zanardi ist vor allem für die Italiener längst mehr als ein Athlet. "Seine Kraft, seine Selbstironie und seine menschliche Tiefe haben einen Sportler zu einer Ikone gemacht", schrieb Corriere dello Sport.